Willkommen in der Landeshauptstadt. Wo die Polizei personell ausgedünnt ist, die Verkehrsüberwachung chronisch überlastet und das Ordnungsamt zwischen Marienplatz und Müßer Holz gefühlt drei Mitarbeiter teilt, müssen jetzt die Kleinsten ran. Vergangene Woche haben Kinder der Kita Waldgeister im Müßer Holz, gemeinsam mit der Polizei und dem Elternrat, Temposünder vor ihrer eigenen Einrichtung zur Rede gestellt. Lachender Smiley für artige Fahrer. Trauriger Smiley für zu schnelle. So weit, so niedlich. Und so weit die ehrlichste Bestandsaufnahme über den Zustand der Schweriner Verkehrserziehung, die es seit langem gab.
Die Aktion lief vor der Kita in der Zielkowskistraße, also mitten in jenem Stadtteil, den die Stadt seit Jahren mit dem Versprechen einer besseren Zukunft vertröstet. Initiiert wurde sie nach Angaben des Elternrats von den Kontaktbeamten Thomas Böhm und Hannes Bannorth. Die Kinder durften mit den Beamten Geschwindigkeitsmessungen begleiten und anschließend die Verkehrsteilnehmer direkt ansprechen. Wer sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit hielt, bekam einen lachenden Smiley und ein selbst gemaltes Bild. Wer zu schnell war, bekam den traurigen. Pädagogisch wertvoll. Symbolisch eine Ohrfeige.
Wenn der Nachwuchs die Verkehrserziehung übernimmt
Denn mal ehrlich: Was sagt es über eine Stadt aus, wenn Fünfjährige diejenigen sind, die den Autofahrern ins Gewissen reden müssen? Offenbar reichen weder Schwellen, noch Schilder, noch die gelegentlichen Radarkontrollen aus, damit Eltern ihre Kinder morgens gefahrlos in die Kita bringen können. Stattdessen baut man jetzt kleine Figuren auf, nennt sie Verkehrs-Buddies, und lässt den Nachwuchs den Bußgeldkatalog spielen. Man darf das charmant finden. Man darf aber auch fragen, warum das überhaupt nötig ist.
Mit ihrer Offenheit, ihrem Interesse und ihrer direkten Art haben sie viele Verkehrsteilnehmer zum Nachdenken gebracht.
Anne-Katrin Meyer, Kita-Leiterin
Ein Satz wie aus dem Bilderbuch, formuliert von einer Frau, die den Ernst der Lage vermutlich besser kennt als jeder im Rathaus. Kita-Leiterin Anne-Katrin Meyer zeigt sich zufrieden. Klar, die Aktion hat funktioniert. Man stelle sich nur kurz vor, wie oft diese Aktion nicht stattfindet, in all den anderen Straßen Schwerins, vor all den anderen Kitas, in all den Stadtteilen, die sich nicht über einen so rührigen Elternrat freuen dürfen.
Müßer Holz als Symbol
Die Aktion passt nahtlos in eine Stadt, die das Prinzip Verantwortung abgeben mittlerweile zur kommunalen Kernkompetenz entwickelt hat. Wo die NVS-Straßenbahnen seltener fahren als einst geplant, wo Buslinien gestrichen werden und das Auto quasi Pflicht ist, verwundert es nicht, wenn vor einer Kita im Plattenbauviertel gerast wird, als gäbe es kein Morgen. Der Elternrat reagierte pragmatisch. Die Polizei reagierte, so gut es ging. Und die Sponsorin Gret-Doris Klemkow sorgte dafür, dass am Ende auch die passenden Figuren finanziert waren. Die Stadt selbst? Schweigt. Wie immer.
So bleibt am Ende ein Bild zurück, das gleichzeitig rührt und verstört: Kita-Kinder, die in der prallen Sonne vor ihrer Einrichtung stehen und erwachsenen Autofahrern beibringen, was Anstand ist. In einer Stadt, die gern von sich behauptet, sie sei Landeshauptstadt. Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise. Man könnte auch sagen: wenigstens tut sich was. In Müßer Holz. Seitens der Fünfjährigen.
Foto: Anna Khromova / Unsplash
Quelle: Nordkurier
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