Wirtschaft

Müllgebühren-Ranking: Schwerin ist Deutschlands Billigheimer – aber nur, weil niemand hinschaut

Es gibt Nachrichten, die in Berlin niemanden interessieren, in München ein müdes Lächeln auslösen und in Schwerin so etwas wie einen kollektiven Stolz-Moment darstellen. Der Verband Haus & Grund hat die Müllgebühren der 100 größten Städte Deutschlands verglichen und kommt zu einem Ergebnis, das die Landeshauptstadt an die Spitze katapultiert: Schwerin hat im Teilservice-Ranking (14-tägliche Leerung) die günstigsten Gebühren aller verglichenen Städte. Im Gesamtranking reicht es immerhin für Platz 8 – von 100. Die Schweriner Stadtspitze spricht von einem „sehr fairen und preisgünstigen Angebot“. Finanzdezernent Bernd Nottebaum sagt das mit einer Stimme, die klingt, als hätte er gerade im Lotto gewonnen, dabei hat er nur eine Tabelle gelesen.

Was erst einmal nach kommunaler Effizienz klingt, ist bei näherer Betrachtung vor allem das Eingeständnis einer ziemlich bodenständigen Realität: Schwerin hat ein günstiges Müllgebühren-Modell, weil die Stadtverwaltung ihren Bürgern etwas bietet, das anderswo schlicht Geld kostet. Die Biotonne ist in der Restabfallgebühr drin. Die Papiertonne ebenfalls. Pro Haushalt und Jahr dürfen bis zu fünf Kubikmeter Sperrmüll ohne Zusatzkosten entsorgt werden. In anderen Städten muss man dafür extra zahlen, in Schwerin winkt der städtische Eigenbetrieb SDS milde lächelnd durch. Der Grund ist weniger Großzügigkeit als strukturelle Trägheit: 19.500 Tonnen Restmüll, 3.500 Tonnen Sperrmüll, 4.500 Tonnen Altpapier und 7.300 Tonnen Bioabfall wandern hier pro Jahr durch die Hände der SAS, der städtischen Gesellschaft. Das ist viel Material, aber wenig Spektakel.

„Schwerin hat im bundesweiten Müllgebührenranking den 8. Platz erreicht – nach einem 6. Platz im Jahr 2022. Im Einzelranking der Kategorie Teilservice ist Schwerin sogar die günstigste Stadt aller verglichenen Städte.“

Stadt Schwerin, Pressemitteilung, die mit der Souveränität einer Hauptgewinn-Verkündung formuliert wurde

Günstig, aber zu welchem Preis?

Nottebaum, der zugleich stellvertretender Oberbürgermeister ist, ruft die Schwerinerinnen und Schweriner im selben Atemzug zur konsequenten Mülltrennung auf. Wer den Grünen Punkt brav in die Gelbe Tonne werfe, helfe mit, die Gebühren zu dämpfen. Wer die Biotonne nutze, füttere nebenbei die Bioabfallverwertungsanlage im Industriepark, die wiederum „neben Frischkompost auch Strom erzeugt“. Das klingt nach moderner Kreislaufwirtschaft, ist aber vor allem ein Appell an rund 98.000 Menschen, das zu tun, was die meisten ohnehin schon tun: ihren Müll ordentlich sortieren. Was passiert, wenn alle brav trennen, hat Nottebaum allerdings nicht verraten. Vermutlich sinkt die Gebühr dann um einen halben Euro pro Jahr – was in Schwerin ungefähr dem Preis einer Tasse Filterkaffee am Pfaffenteich entspricht.

Während Schwerin also feiert, dass es bundesweit bei Müllgebühren ganz vorne mitspielt – also ganz hinten –, darf man getrost fragen: Was kostet das eigentlich wirklich? Die bundesweite Spitzenposition bei den günstigen Müllgebühren ist vor allem ein Indikator dafür, dass die Stadt ihre eigene Abfallentsorgung schlank hält. Nicht weil die Verwaltung so genial ist, sondern weil in Schwerin seit Jahren niemand den Hebel auf Expansion stellt. Kein neuer Container für Bioabfall im Premium-Design, keine smarte Mülltonne mit Füllstandsensor, keine RFID-gestützte Wiegegebühr. Stattdessen: das bewährte System, ein paar freundliche Erinnerungen und der Appell an die Bürger, ihren Job zu machen. Funktioniert. Mehr aber auch nicht.

Ranking-Sieger ohne Aufwand

Die Schweriner Stadtspitze versteht es, aus der Not eine Tugend zu machen. Während andere Städte ihre Müllgebühren erhöhen, weil die Verbrennungskosten steigen und die Recyclingmärkte wackeln, bleibt die Landeshauptstadt einfach günstig. Das ist weniger kommunalpolitische Glanzleistung als strukturelle Bescheidenheit. Man hat sich eben nichts geleistet, was man sich später leistet. Die Kehrseite dieser Sparsamkeit bekommt man dann zu spüren, wenn man in der Innenstadt an einem übervollen Papiercontainer vorbeiläuft, der seit drei Tagen nicht geleert wurde. Aber das ist ein anderes Thema. Heute feiern wir Platz 8. Und Platz 1 bei Teilservice. Und überhaupt: alles super in Schwerin.

Immerhin: Das Ranking bescheinigt Schwerin nicht nur einen günstigen Preis, sondern auch ein faires Angebot. Was in der Pressemitteilung fehlt, ist der zweite Teil der Wahrheit: Schwerin ist günstig, weil in Schwerin seit Jahren weniger passiert als anderswo. Das ist kein Kompliment. Das ist eine Diagnose. Wer daraus eine Erfolgsmeldung macht, sollte sich fragen lassen, ob das stolz machen darf – oder ob es eher das Eingeständnis einer Stadt ist, die sich über jeden Cent freut, den sie nicht ausgibt. In Schwerin ist das beides. Und meistens nicht mal das eine richtig.

Fazit: 1. Bundesliga der Müllgebühren-Tiefstpreise

Schwerin hat die günstigsten Müllgebühren unter den 100 größten Städten Deutschlands. Punkt. So steht es im Ranking, so steht es in der Pressemitteilung, so steht es jetzt hier. Wer jetzt glaubt, die Landeshauptstadt sei damit auf Augenhöhe mit München, Hamburg oder Köln, was Lebensqualität und Abfallwirtschaft angeht, hat den Text nicht bis hierhin gelesen. Schwerin ist nicht billig, weil es gut ist. Schwerin ist billig, weil billig das Einzige ist, was die Stadt zuverlässig liefern kann. Aber immerhin: Das klappt. Und für Schweriner Verhältnisse ist das fast schon ein Grund zum Feiern.

Foto: High Contrast / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Quelle: schwerin.de

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