Schwerin. Mecklenburg-Vorpommern hat offiziell ein neues Lieblingsthema – und es ist ausgerechnet das, was hierzulande geografisch seit jeher mitgeliefert wird: Einsamkeit. Heute hat das Landeskabinett den Beitritt zur bundesweiten „Allianz gegen Einsamkeit“ beschlossen. Erstunterzeichner! Mit Stolz. Mit Sozialministerin. Mit einem Runden Tisch, der aussieht wie eine Therapiesitzung mit 30 Teilnehmern.
Sozialministerin Stefanie Drese erklärt das Ganze mit der Gravitas einer Frau, die weiß, dass ihre Pressemitteilung an einem Dienstag genau drei Journalisten lesen werden: Einsamkeit sei eine „zunehmende gesellschaftliche Herausforderung“, die alle Altersgruppen betreffe, und – jetzt kommt’s – „erhebliche negative Auswirkungen auf das Vertrauen in demokratische Institutionen“ haben könne. Aha. Wenn die Leute abends allein auf der Couch sitzen, kippen sie also gleich die Demokratie. Gut zu wissen.
Die Diagnose stand schon vorher fest
Was die Ministerin nicht sagt, aber jeder in MV schon morgens beim Blick aus dem Fenster weiß: Die Leute sind nicht einsam, weil sie niemanden treffen. Sie sind einsam, weil niemand mehr da ist. Geringe Bevölkerungsdichte, überdurchschnittlich viele Alte, überdurchschnittlich viele Alleinlebende. Das ist keine Diagnose, das ist eine topographische Karte.
Und weil das so ist, wird jetzt eine bundesweite Allianz gegründet. Mit Länderbeteiligung. Mit Kommunen. Mit Wohlfahrtsverbänden. Mit Wissenschaft. Mit Zivilgesellschaft. Vor allem: mit Rundem Tisch. Der Runde Tisch in MV tagt bereits, man hat „umfassende Analysen durchgeführt“ und „konkrete Handlungsempfehlungen“ erarbeitet. Was fehlt, sind die Leute, mit denen man die Empfehlungen umsetzen könnte. Aber das ist ein anderes Papier.
„Einsamkeit hat erhebliche negative Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit, die gesellschaftliche Teilhabe sowie das Vertrauen in demokratische Institutionen.“
— Sozialministerin Stefanie Drese, nach der Kabinettssitzung am 16.06.2026
Melancholie mit Stempel
Was hier passiert, ist nicht der Kampf gegen Einsamkeit. Es ist die Behördendurchdringung der Melancholie. Man nehme ein Gefühl, das in Mecklenburg-Vorpommern seit der slawischen Besiedlung existiert, gebe ihm einen Arbeitskreis, eine Pressemitteilung, eine Erstunterzeichner-Urkunde – und schon hat man das Problem in der Verwaltung. Das ist wie einen Waldbrand mit einer PowerPoint-Folie löschen.
Die Ironie: Wer in MV wirklich gegen Einsamkeit arbeiten will, müsste die Gründe bekämpfen. Weniger Behörden, die Dörfer leer machen. Mehr Arztpraxen auf dem Land. Buslinien, die nicht nur einmal am Tag fahren. Eine Kulturpolitik, die nicht alle drei Spielstätten in der Landeshauptstadt konzentriert. Stattdessen gibt es jetzt eine Allianz, die das Problem bundesweit bündelt, als könnte man Einsamkeit in Arbeitsgruppen kleben.
Mecklenburg-Vorpommern ist nicht einsam, weil niemand was tut. Mecklenburg-Vorpommern ist einsam, weil das, was man tut, nicht reicht. Der Beitritt zur Allianz ist das Eingeständnis, dass die Landespolitik das weiß – und sich trotzdem fürs Unterschreiben entscheidet.
Immerhin: Als Erstunterzeichner darf man sich jetzt bundesweit als Vorreiter feiern lassen. Und falls die Allianz scheitert, war es halt ein Modellprojekt. Falls sie hilft – umso besser. Falls nicht: Es war ja nur ein Runder Tisch. So funktioniert das hier. Und so funktioniert das seit 1990.
Foto: Bruno Martins / Unsplash
Quelle: Regierung Mecklenburg-Vorpommern
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