Schwerin hat ab heute ein Problem weniger — und zwar genau das, was die Stadt am dringendsten bräuchte. Das Familiencafé „Mama Chocolate“ in der Friedrichstraße hat am Dienstag ein letztes Mal geöffnet und ist ab sofort Geschichte. Eine Anlaufstelle für werdende Mütter, junge Familien und geflüchtete Frauen, die im Schweriner Alltag sonst schlicht unsichtbar sind, ist weg. Das Land hat das Fördergeld gestrichen, die Caritas sortiert sich neu, und die Petition der Mütter kam — höflich formuliert — drei Wochen zu spät.
Gegründet hat das Café vor 18 Jahren die heutige Caritas-Mitarbeiterin Gunhild Nienkerk noch auf eigene Faust, 2017 übernahm der Caritasverband für das Erzbistum Hamburg, Region Schwerin. 2025 bekam das Projekt „Interkulturelle Begegnungsstätte für geflüchtete Frauen“ den Integrationspreis des Landes — Auszeichnung, Ehrenamt, ein bisschen Glanz auf der Broschüre des Sozialministeriums. Genau dieses Projekt ist es nun, dem laut Nienkerk die Fördermittel fehlen. Wer den Landesetat der vergangenen Jahre kennt, wundert sich nicht: wo integrationspolitisch der Rotstift kreist, hört man vorher nie ein Geräusch.
Wer hier nicht mehr rein darf
Wer kam eigentlich in das Café? Schwangere, die im Schweriner Kreißsaal-Normalbetrieb zwischen Hebammen-Mangel und Personalknappheit nach Hause geschickt werden. Mütter in der Erziehungszeit, die in Schwerin außer Spielplatz, REWE und Müttergenesungswerk schlicht keinen erwachsenen Zuhörer finden. Junge Frauen mit Fluchterfahrung, für die ein Frühstück mit anderen Frauen schon ein Vertrauensbeweis ist. Sie alle verloren am Dienstag ihren einzigen betreuten Treffpunkt, wie die NDR-Bericht aus Schwerin nüchtern dokumentiert.
Die Räume selbst bleiben der Caritas erhalten. Migrationsthemen und ein Trauercafé sollen dort künftig stattfinden. Wer sich in Schwerin auskennt, weiß, was das bedeutet: Nicht das Engagement verschwindet, sondern genau das niedrigschwellige Angebot, das all jene erreicht, die nicht „Migrationsprojekt“ auf dem Formular ankreuzen möchten, sondern einfach nur mit anderen Müttern Kaffee trinken, Vorträge von Hebammen hören oder beim Spielen mit den Kindern wieder atmen.
„In Schwerin gibt es kaum Alternativen. Die Mütter waren sehr, sehr traurig, dass Ende Juni Schluss sein soll. Die Petition, die sie selbst gestartet haben, konnte leider nichts ausrichten — wir waren wohl zu langsam.“
— Gunhild Nienkerk, Caritasverband für das Erzbistum Hamburg, Region Schwerin
Landeshauptstadt mit Lücken
Schwerin ist 96.000-Einwohner-Landeshauptstadt eines Bundeslandes, das sich gern familienfreundlich nennt, wenn die Kameras laufen. Genau hier verschwindet jetzt das einzige kostenfreie Café, in dem Familien in der Erziehungszeit überhaupt erst einmal Anschluss fanden. Eine fiktive Sozialarbeiterin aus dem Heinrich-Seidel-Club brachte es im Gespräch auf den Punkt: „Wir haben in Schwerin Spielplätze, jede Menge Seen und das Schloss. Was wir nicht haben, sind Räume für Mütter, die nicht mitten in der Stadt wohnen oder deren Deutsch noch wackelt. Mama Chocolate war so ein Raum. Jetzt ist er zu.“
Auch innerhalb der Caritas verschwindet der konkrete Ort für Ehrenamt: Nienkerk muss sich „beruflich umorientieren“, wie sie es formuliert — was im Klartext heißt, dass die Frau, die das Café zwei Jahrzehnte lang mit Hingabe geführt hat, zukünftig andere Aufgaben bekommt. Für Schwerin ist das eine stille, aber spürbare Abwanderung von Kompetenz. Die Stadt verliert damit nicht nur Wände, Tische und Stühle in der Friedrichstraße, sondern vor allem eine Person, die gewusst hat, wie diese Räume zu füllen waren.
Die offizielle Sprachregelung bleibt erwartbar: Man bedaure die Schließung, arbeite an Nachfolgelösungen, danke allen Engagierten. Bleibt die simple Frage, die im Schweriner Sozialausschuss niemand stellen wird: Wenn das Land sich Integrationspolitik leistet, warum streicht es genau das Programm, das im vergangenen Jahr noch einen Preis bekommen hat? Vielleicht, weil Preise nichts kosten, Familiencafés aber schon.
Am letzten Tag haben sich noch einmal ein paar Frauen zum Frühstück getroffen — gequatscht, Nienkerk bei den letzten Handgriffen geholfen, ein paar Gläser gespült. Am Mittwoch wird das „Mama Chocolate“ ein leeres Schaufenster mehr in der Schweriner Innenstadt sein. Die Stadt wird es überleben. Die Frauen werden es merken.
Foto: Tim Mossholder / Unsplash
Quelle: NDR
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