Wirtschaft

Lieblings-Zahnarzt am Schweriner Bahnhof: 1500 Termine in 14 Tagen – und kein Patient wurde in 7 Minuten durchgepustet

Schwerin hat eine neue Zahnarztpraxis. Klingt erstmal nach einer jener Meldungen, die in keiner Lokalzeitung der Republik denkwürdig wären. Ist diese aber. Sie heißt „Lieblings-Zahnarzt“, liegt in der Straße Zum Bahnhof 15, hat am 15. Juni eröffnet – und ist im Kern ein Affront gegen das, was man in Deutschland landläufig unter „Zahnarztbesuch“ versteht.

Die Gründerin ist Anne Wünschkowski, 34 Jahre alt, gebürtige Parchimerin, zweifache Mutter, gelernte Zahnmedizinerin. Sie hat von 2012 bis 2017 in Rostock studiert, danach als Assistenzzahnärztin und angestellte Zahnärztin gearbeitet, zwischenzeitlich in Hamburg gelebt, ist 2019 mit Mann und Kindern nach Schwerin zurückgekehrt. Was sie dort eröffnet hat, ist das genaue Gegenteil einer Förderturm-Praxis.

Erster Termin: kein Bohrer

In der „Lieblings-Zahnarzt“-Praxis gibt es ein Wort, das in deutschen Zahnarztpraxen sonst eher nicht fällt: Zeit. Der erste Termin beginnt, ohne dass etwas gemacht wird. Wünschkowski erklärt das im Nordkurier-Interview so: „Heute machen wir erstmal nichts.“ Stattdessen wird geredet. Über Sorgen, über Wünsche, über das, was kommt.

Das klingt nach Sonntagsrede. Ist aber Geschäftsmodell. In den ersten beiden Wochen seit Eröffnung wurden laut Nordkurier rund 1500 Termine vereinbart. Der Kalender ist bis Mitte August gefüllt. Patienten, die teils jahrelang keinen Zahnarzt mehr betreten haben, finden offenbar den Weg an den Schweriner Bahnhof. Buchbar ist das Ganze online, telefonisch, per E-Mail, über WhatsApp – oder einfach vor Ort. Sogar eine Ratenzahlung über ein externes Abrechnungszentrum wird angeboten.

„Es hat sich ein bisschen angefühlt wie eine dritte Geburt.“ – Anne Wünschkowski über die Praxiseröffnung am 15. Juni.

Wartezimmer wie ein Café, Bildschirme an der Decke

Was die Praxis ausmacht, ist nicht das medizinische Angebot – das ist in Schwerin auch anderswo zu finden. Was sie ausmacht, ist die Inszenierung. Das Wartezimmer sieht aus wie ein Café, die Behandlungszimmer haben warme Farben, Musik läuft, an der Decke hängen Bildschirme. Es riecht nicht nach Krankenhaus, es riecht nach Praxis mit Bewusstsein für den ersten Eindruck.

Der Clou ist das Konzept für Angstpatienten. Wünschkowski berichtet von einer Frau, die sich anfangs nicht einmal ins Behandlungszimmer getraut hat. Die Lösung: Erstmal vor der Tür sitzen, quatschen, Vertrauen aufbauen. Wünschkowskis Maxime: „Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Das darf man nicht bewerten.“ In einer Republik, in der Angstpatienten in der Regel einfach ignoriert oder mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellt werden, ist das eine kleine Revolution.

Wer die Praxis betritt, soll merken, dass es diesmal anders läuft. An der Seite der Chefin steht Praxismanagerin Peggy Kurreck, die den Empfang organisiert. Ein Jahr Vorbereitung, gemeinsam mit dem Ehemann, in Elternzeit und neben zwei kleinen Kindern geplant. Wer als Berufstätige in Schwerin mit Kindern etwas aufbaut, weiß: Das ist kein Hobby.

1500 Termine in 14 Tagen – der Beweis für den Notstand

Die eigentliche Pointe der Geschichte steht nicht im Artikel. Sie steht daneben. In Mecklenburg-Vorpommern ist laut einer Nordkurier-Recherche aus dem April jeder fünfte Zahnarzt kurz vor der Rente. Die Zahnarzt-Odyssee für ältere Patienten in der Region ist seit Jahren Realität. Im brandenburgischen Wittenberge wurde kürzlich einem über 80-jährigen Ehepaar in fünf Praxen abgesagt.

Wenn in Schwerin eine einzige neue Praxis in zwei Wochen 1500 Termine füllt, ist das kein Beweis dafür, dass die Versorgung im Lot ist. Es ist der Beweis dafür, wie groß der Stau vorher war. Wer in Schwerin vorher einen Zahnarzt-Termin wollte, kannte das Prozedere: Anruf, Warteliste, irgendwann ein Termin in drei Monaten, beim nächsten Anruf der Praxis wieder verschoben. Das ist der bundesweite Alltag. Was Wünschkowski anbietet, ist das, was alle anbieten sollten – und nur wenige tun. (schwerin)

Die Konkurrenz in Schwerin darf sich warm anziehen. Nicht weil Lieblings-Zahnarzt die besseren Zähne macht. Sondern weil sie den Leuten zuhört. In einer Branche, in der das schon fast als Alleinstellungsmerkmal durchgeht, ist das die eigentliche Pointe.

Foto: Benyamin Bohlouli / Unsplash

Quelle: Nordkurier

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