Schwerin ist Welterbe. Das wissen die meisten, seit die Stadt vor Kurzem feierlich in die Liste der Unesco-Welterbestätten aufgenommen wurde. Was viele nicht wussten: Mit dem Welterbe-Status kommt in Mecklenburg-Vorpommern automatisch die Genehmigung, sonntags Brötchen zu verkaufen. Vier Lidl-Filialen in der Landeshauptstadt haben daraus jetzt die Konsequenz gezogen und ihre Tore auch am siebten Tag der Woche geöffnet – von 12 bis 18 Uhr, versteht sich, mit ausreichend Puffer für die Zeit vor dem Mittagessen und nach dem Nachmittagskaffee.
Betroffen sind die Filialen in der Grünen Straße 23, an der Crivitzer Chaussee 16, in der Lübecker Straße 225 sowie in der Greifswalder Straße 1. Was zunächst als Testlauf in zwei Filialen begann, ist nach wenigen Wochen bereits auf vier Standorte angewachsen. Schwerin nimmt damit eine Entwicklung vorweg, die im Rest des Landes längst Normalität ist: In Wismar, Binz, Bansin, Zinnowitz und Baabe haben die Sonntagsöffnungen Tradition. Dass ausgerechnet die Landeshauptstadt jetzt nachzieht, ist nicht nur eine Marktentscheidung, sondern vor allem ein politisches Signal – und ein ziemlich deutliches dazu.
Tourismus als Begründung für alles
Die juristische Grundlage liefert die neue Öffnungszeitenverordnung des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Seit Schwerin den Welterbe-Titel trägt, fällt die Stadt automatisch unter die Regelung für „touristisch geprägte Orte“. Das bedeutet im Klartext: Was in Binz funktioniert, funktioniert jetzt auch vor der Haustür der Ministerien. Der Clou an der Konstruktion ist, dass die Schweriner selbst in ihrer eigenen Stadt jetzt offiziell als Touristen gelten – oder zumindest so behandelt werden. Wer am Sonntag spontan merkt, dass die Milch fehlt, ist in Schwerin also kein Versorgungsfall, sondern ein Kultur-Reisender mit kulinarischem Bedarf.
Die Kunden, so berichten es erste Stimmen aus den Filialen, nehmen das Angebot dankend an. Eine Schwerinerin wird mit dem Satz zitiert, man sei „ehrlich gesagt froh, dass ich nicht bis Montag warten muss“. Ein Berufstätiger namens Thomas H. lobt die „Zeitgemäßheit“, weil „viele unterwegs sind, Ausflüge machen oder in Schichten arbeiten“. Eine Mutter erzählt, sie habe „letzten Sonntag den ganzen Tag am See verbracht und auf dem Rückweg noch schnell etwas fürs Abendbrot geholt“. Es sind Aussagen wie aus dem PR-Flyer des Discounters, was die Sache natürlich nicht falsch macht – aber auch nicht gerade aufregend.
Der Sonntag, das Wirtschaftsgut
Was die Sache trotzdem bemerkenswert macht, ist das Tempo. Vor wenigen Wochen wurde der Test gestartet, jetzt sind vier Standorte offen, und niemand in der Stadtpolitik scheint Anlass zu sehen, das Ganze grundsätzlich zu hinterfragen. Im Gegenteil: Die Ausweitung wirkt wie ein Selbstläufer, als hätte man in Schwerin nur darauf gewartet, dass irgendeine formale Begründung den Weg frei macht, die Innenstadt auch sonntags in eine Shoppingmeile zu verwandeln. Dass die Innenstadt sonntags jetzt auch offiziell eine Art erweiterter Konsumtempel ist, war eigentlich immer schon so – nur eben mit der Ausrede „Bäckerei“ und „Souvenirladen“. Jetzt ist es ein Discounter mit 4.000 Artikeln.
„Früher war sonntags alles dicht. Heute sind viele unterwegs, machen Ausflüge oder arbeiten in Schichten. Da passt das einfach besser ins Leben.“ – Thomas H., Schweriner Lidl-Kunde, auf dem Weg zur Arbeit
Was bleibt, ist die leise Frage, was eigentlich aus dem Sonntag als kollektiver Ruhe- und Familientag werden soll, wenn selbst in einer Landeshauptstadt, die sich ihre Beschaulichkeit gern auf die Fahnen schreibt, der Discounter ab 12 Uhr das Tor aufmacht. Die Kirchen, die sich in Mecklenburg-Vorpommern traditionell am lautesten am Sonntagsschutz beteiligen, schweigen bisher. Vermutlich, weil der Protest gegen vier Lidl-Filialen politisch nicht zu gewinnen ist – und am Ende auch niemanden mehr interessiert, der in Binz oder Schwerin schon einkaufen geht, wann er will. Die Welterbe-Ausrede ist da fast schon konsequent: Wer in einer Weltkulturlandschaft lebt, soll gefälligst auch darin einkaufen. Man darf gespannt sein, was als Nächstes unter den Titel fällt – immerhin erinnert man sich noch gut an die kurze Schweriner Blauwal-Episode, als plötzlich Auflagen galten, die man sonst nur aus dem Tierpark kennt.
Foto: Spoorthi J / Unsplash
Quelle: Nordkurier
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
