Schwerin-Mueß. Es gibt Premieren, die kündigt man leise an. Diese nicht. „Krawall in’n Häuhnerstall“ steht ab dem 18. Juni auf dem Spielplan des Freilichtmuseums — und der Titel ist Programm: Die Fritz-Reuter-Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters bringt eine Rockrevue auf die Bühne, in der Bauernhoftiere die Hauptrollen spielen und zwar mit deutlich mehr Haltung, als man dem gemeinen Huhn landläufig zutrauen würde.
Kühe gegen Mozart, Schweine für Amnesty
Autorin und Regisseurin Sandra Keck hat ein Stück geschrieben, das den Bauernhof von Wittenförden in einen Schauplatz musikalischer und politischer Selbstfindung verwandelt. Kühe protestieren gegen die klassische Musik im Stall und verlangen lieber Hardrock. Schweine hoffen auf die Unterstützung von Amnesty International. Ein polnischer Knecht möchte den Hof verlassen — was bei den aktuellen Visabedingungen zwischen Hof und Außenwelt ohnehin niemandem zu verdenken ist. Und die Bäuerin Alma erinnert sich an ihre wilden Zeiten in der Dorfdisko, was die Frage aufwirft, wie viele Disco-Hits ein ländlicher Tanzsaal im Plattdeutschen überhaupt verträgt.
Dazu erklingen bekannte Hits von ABBA bis zu den Beatles — allerdings mit plattdeutschen Texten. Dass sich „Yesterday“ reimt wie „Gisterrn“ und „Dancing Queen“ im Niederdeutschen plötzlich klingt wie eine durchzechte Hochzeitsfeier in Bützow, darf als kulturelle Bereicherung des Repertoires verstanden werden. Die historische Kulisse des Freilichtmuseums bildet dabei den perfekten Rahmen: echte Scheunen, echte Tiere, echter Hühnerstall, echte Bauernhof-Romantik — und mittendrin musikalische Subversion auf Platt.
Wenn die Küche schon im Stall gegen Klassik protestieren, dann ist die Premiere quasi eine politische Kundgebung mit Gitarrenverstärker. Amnesty International muss nur noch die Pressemitteilung verschicken.
Landwirtschaft zum Anfassen — und zum Mitgrölen
Die Rockrevue ist Teil einer größeren Erweiterung des Freilichtmuseums: Auf einer neuen Ausstellungsfläche dreht sich seit Kurzem alles um die Nutztierhaltung in Mecklenburg. Museumsleiterin Melanie Kramer erklärt das Konzept so: „Schafe und Hühner haben wir auf dem Gelände. Aber bei größeren Tieren wie Kühen wird es schon schwieriger.“ Eine ehrliche Aussage, die in der Schweriner Museumslandschaft Seltenheitswert hat. Stattdessen gibt es Ausstellungstafeln, große Spielwürfel und interaktive Lernstationen, an denen Besucher drehen, schieben, suchen und zuordnen dürfen. Sogar die schwierigen Themen — Schlachtung, Verwertung, die ganze Wahrheit über den Bauernhof — werden nicht ausgespart. Nur praktisch vorgeführt wird das Schlachten nicht, was bei den museumspädagogischen Zielgruppen zwischen sechs und vierzehn Jahren vermutlich die einvernehmliche Lösung ist.
Besonderen Wert legt das Museumsteam zudem auf die plattdeutsche Sprache. Sämtliche Inhalte der neuen Ausstellung sind zusätzlich ins Niederdeutsche übersetzt. Kramer sagt dazu: „Das ist ein fester Bestandteil für uns. Wir wollten, dass man darüber stolpert.“ Wer am 18. Juni also in Mueß über die plattdeutsche Beschilderung stolpert, sollte sich keine Sorgen machen — es gehört zum Konzept.
Spielplan, Karten, Baustellen
Weitere Vorstellungen von „Krawall in’n Häuhnerstall“ gibt es am 20., 21. Juni, 26. bis 28. Juni, 2. bis 5. Juli, 9. bis 12. Juli sowie 17. bis 19. Juli — jeweils um 18 Uhr im Freilichtmuseum Schwerin-Mueß. Karten gibt es online unter www.mecklenburgisches-staatstheater.de, in der Theaterkasse Schwerin unter 0385 53 00-123 oder per Mail an theaterkasse@schwerin.de. Wer mit dem Auto anreist, sollte sich auf den einen oder anderen Baucontainer einstellen — auf dem Gelände wird derzeit gebaut, was die Wege zwischen Scheune, Backofen und Hühnerstall zu einem kleinen Abenteuer macht. Bei Schweinen, die Amnesty anrufen, wirkt das irgendwie passend.
Foto: Niteshift / Wikimedia Commons / CC BY 2.5
Quelle: Nordkurier, 03.06.2026
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