Schwerin hat einen neuen Pächter für Kaninchenwerder. Es ist der dritte in sechs Jahren, und diesmal kommt er aus Zierzow bei Grabow. Daniel Schmidt, 45 Jahre alt, ist Inhaber der Firma „Garage 7″ – ein Handwerksbetrieb, der Hausboote baut und vermietet. Die Stadt hat ihn am Dienstag einstimmig zum neuen Inselwirt gewählt.
Wer in Schwerin mitgezählt hat, weiß: Diese Personalie ist die dritte Hoffnung in sechs Jahren. Der erste Pächter kam mit großen Plänen, der zweite verschwand im Streit mit dem ZGM, der dritte hinterließ eine marode Hütte. Jetzt also ein Hausboot-Bauer aus dem Landkreis Ludwigslust-Parchim, dessen Geschäftsmodell schwimmende Unterkünfte sind. Man darf das als kreative Lösung lesen. Man darf es auch als Eingeständnis lesen, dass die Landeshauptstadt bei der Suche nach geeigneten Kandidaten für eine Insel im eigenen See offenbar übers Land schauen muss.
60 Jahre Vertrag für einen Hausboot-Mann
Die Stadt Schwerin beginnt das Projekt mit einem einjährigen Vertrag. Das klingt vernünftig. Gleichzeitig plant die Verwaltung, das Ganze noch in diesem Jahr in eine langfristige Pacht umzuwandeln – mit einer Laufzeit von bis zu 60 Jahren über das Erbbaurecht. Sechzig Jahre sind in der deutschen Politik eine halbe Ewigkeit. Sechzig Jahre hat die Bundesrepublik in ihrer jetzigen Form gerade mal durchgehalten.
Schmidt plant im Sommer ein gastronomisches Angebot für die Touristen, die mit der Weißen Flotte aus Zippendorf übersetzen. In der Nebensaison will er den Hafenanleger als Liegeplatz für Hausboote seiner Firma nutzen. Saisonstart ist am 27. Juni, beim Stadtwerke-Strandfest in Zippendorf. Das klingt geschäftstüchtig, ist aber auch eine Bankrotterklärung: Die Insel wird nicht mehr als Insel bewirtschaftet, sondern als schwimmender Außenposten eines Hausboot-Imperiums.
700.000 Euro für ein Haus, das keiner will
Bevor der neue Mann übernehmen kann, investiert die Stadt rund 700.000 Euro Fördermittel in die Sanierung des Inselhauses. Das Gebäude ist nach Angaben der Verwaltung in einem schlechten Zustand. Man darf das bezweifeln – schlechte Zustände in Schwerin sind eher die Regel als die Ausnahme. Die Stadthalle hat eine Bauphase hinter sich, die jeder Kostenrechnung spottet. Die Petermännchen-Fähre fährt seit Wochen nicht mehr. Das ZGM kassiert den nächsten Rechnungshof-Vermerk.
Im Vergleich dazu wirkt die Kaninchenwerder-Sanierung fast schon zurückhaltend: 700.000 Euro, ein einstimmiger Beschluss, ein erfahrener Handwerker, ein klarer Plan. Was in Schwerin sonst noch so alles mit einer einzigen Stimme beschlossen wurde, lässt sich im Stadtarchiv nachlesen – und wird dort vermutlich auch wieder verschwinden, wenn es politisch unangenehm wird.
„Ich will hier was Gescheites hinkriegen. Wenn das mit dem Tourismus klappt, reden wir über eine langfristige Lösung. Hausboote sind mein Ding, nicht die Party-Meile.“
— Daniel Schmidt, neuer Kaninchenwerder-Pächter, in einer ersten Reaktion
Die Jury, die Schmidt ausgewählt hat, bestand aus Vertretern mehrerer Bereiche: Tourismus, Umwelt, Stadtverwaltung. Einstimmig. Das ist mehr Zustimmung, als die Schweriner Kommunalpolitik sonst für irgendetwas zusammenbringt. Womöglich liegt es daran, dass diesmal keiner der üblichen Verdächtigen mitgeboten hat. Oder daran, dass die Stadt nach sechs Jahren Pächter-Karussell einfach jeden genommen hätte, der einen Schlüssel zur Insel will.
Schwerin ist die einzige Landeshauptstadt Deutschlands ohne Großstadt-Status. Rostock ist doppelt so groß. Aber wenigstens hat man dort keine Probleme, Pächter für touristische Inseln zu finden. In Schwerin muss man die Kandidaten aus dem Nachbarlandkreis holen und mit einem 60-Jahres-Vertrag locken. Wenn Schmidt in zehn Jahren der vierte Pächter ist, hat die Stadt wenigstens diesmal vorgesorgt: Der Vertrag wäre dann noch lang genug, um die nächste Pleite zu erklären. (Schweriner See-Tourismus)
Am 27. Juni geht es los. Bis dahin bleibt abzuwarten, ob Schwerin aus dem dritten Anlauf tatsächlich etwas Gescheites macht. Die Chancen stehen nicht schlecht. Sie waren beim ersten und zweiten Versuch auch nicht schlecht.
Foto: Zuarin / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Quelle: NDR
Schwerin ist Geil auf WhatsApp
Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.
Jetzt Kanal abonnierenKostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar
