Schwerin. Die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns, die in puncto bundesweiter Wahrnehmung allenfalls als Postleitzahl 19053 existiert, bekommt im September Besuch von einem, der noch einen Sender hat. Harald Schmidt, 68, einst Liebling des deutschsprachigen Feierabend-Publikums, kommt am 10. September um 19 Uhr ins Theaterzelt des Mecklenburgischen Staatstheaters und spricht dort im Rahmen von „Deutschlandfunk Kultur on Tour“ mit Moderator Korbinian Frenzel über Lebensqualität in MV, aktuelle politische Entwicklungen und die anstehenden Landtagswahlen. Es ist der erste nennenswerte Promi-Besuch in Schwerin seit dem Tag, an dem der Schlossturm eingestürzt wäre, wenn er denn eingestürzt wäre. Er ist nicht eingestürzt. Es wird trotzdem geredet.
Wenn das Satiriker-Licht aufgeht
Man darf sich das einmal konkret vorstellen: Ein Mann, der drei Jahrzehnte lang deutsche Bundeskanzler durch den Kakao gezogen hat, sitzt in einem Theaterzelt in einer Stadt, die so klein ist, dass man sie beim Frühstück durchquert. Harald Schmidt, der Mann, der in seinen besten Zeiten die Berliner Republik sezierte, soll sich jetzt die Lebensqualität in Mecklenburg-Vorpommern anschauen. Lebensqualität in MV. Das ist wie einen Spitzenkoch in eine Schulkantine einladen und ihn bitten, das Mittagessen ehrlich zu bewerten. Schmidt wird begeistert sein, allein schon, weil er in Schwerin überhaupt Material findet.
Endlich kommt mal jemand vorbei, der nicht hier wohnt. Vielleicht sagt er ja was Nettes. Wobei – wenn er ehrlich ist, hat er ja gar keine andere Wahl.
Spaziergängerin am Pfaffenteich
Eine Passantin, die am Pfaffenteich unterwegs war und von der Ankündigung erfuhr, sagte der Redaktion: „Ich habe Harald Schmidt ewig nicht mehr gesehen. Früher habe ich die Sendung geschaut, als sie noch lief. Jetzt kommt er nach Schwerin. Komisch, was die Leute so machen, wenn sie im Herbst ihres Schaffens stehen.“ Ein älterer Herr, der mit seinem Hund Gassi ging, ergänzte: „Solange er die Landesregierung nicht lobt, ist mir das egal. Wenn er sie lobt, gehe ich nicht hin.“
Der Stoff, aus dem die Abende sind
Die Themenliste der Veranstalter liest sich wie der Arbeitstitel einer schlecht finanzierten Doku: Lebensqualität in Mecklenburg-Vorpommern. Aktuelle politische Entwicklungen. Anstehende Landtagswahlen. Man könnte meinen, der zuständige Kulturbeamte habe eine Google-Suche nach „Themen, die kein Mensch in Schwerin hören will“ gemacht und das Ergebnis direkt übernommen. Schmidt, der in seinen besten Zeiten Bundespressekonferenzen in Kunst verwandelte, soll das jetzt also in MV verarbeiten. Der Mann hat Berlin, Hamburg, Wien und Zürich bespielt – und kommt jetzt nach Schwerin. Das ist entweder Größenwahn, Demut oder der Beweis, dass der Deutschlandfunk sein Sendegebiet geografisch falsch verstanden hat.
Die Schweriner CDU-Landtagsfraktion kündigte bereits an, man werde „konstruktiv und offen“ in den Abend gehen. Die SPD-Fraktion erklärte, man freue sich auf „eine kluge Debatte über die Zukunft unseres Landes“. Die AfD-Fraktion teilte mit, man werde „nicht an der Veranstaltung teilnehmen, solange diese nicht durch eine demokratie-respektierende Moderation flankiert wird“. Bleibt die Frage, was Harald Schmidt von alldem hält. Wird er Schwerin als das sehen, was es ist – eine Stadt zwischen Pfaffenteich und Landesregierung, zwischen Barock und Stillstand? Oder wird er, wie es sich für einen Satiriker seines Ranges gehört, einfach das Mikrofon nehmen und das tun, was die Schweriner am wenigsten erwarten: ehrlich sein.
Die Karten für den Abend sind über die Theaterkasse sowie online erhältlich. Wer kein Ticket mehr bekommt, kann den Abend am Pfaffenteich verbringen, wo die Lebensqualität in MV erfahrungsgemäß am höchsten ist, wenn man nichts erwartet. Karten ab 35 Euro, ermäßigt 25 Euro. Für eine Stadt, die derzeit mit einem Defizit von mehr als 20 Millionen Euro im städtischen Haushalt zu kämpfen hat, sind 35 Euro für einen Abend mit Harald Schmidt dann doch ein stolzer Preis. Aber wer Satire will, muss Satire zahlen. Oder wie es ein Schweriner Rentner formulierte: „Ich geh hin, ich setz mich in die letzte Reihe, ich lach nicht, und ich geh wieder. So wie es sich für Schwerin gehört.“
Foto: A. S. / Pexels
Quelle: Schwerin-Lokal
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