Schwerin. Die Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns, die sich seit Jahrzehnten damit brüstet, immerhin über ein Weltkulturerbe-Ensemble von Seen, Schlössern und Kirchen zu verfügen, kann aus eigener Kraft offenbar nicht einmal mehr die Sanierung einer einzelnen Barockkirche stemmen. Wie der NDR am Sonntag berichtete, springen zwei Hamburger Stiftungen mit insgesamt 750.000 Euro in die Bresche, damit die Schelfkirche in der Schelfstadt überhaupt saniert werden kann. Hamburg, immerhin die zweitgrößte Stadt Deutschlands, muss also ran, weil die Landeshauptstadt eines ganzen Bundeslandes die Rechnung nicht bezahlen kann. Das ist nicht Satire. Das ist Standortsicherung auf Spendenbasis.
Landeshauptstadt mit Almosen-Status
Man stelle sich das einmal vor: Eine Hauptstadt, die im 21. Jahrhundert mit dem Hut in der Hand von Stadt zu Stadt zieht, um das eigene Kulturerbe zu retten. Während in Hamburg Elbphilharmonie, HafenCity und Hafencity-Erweiterung mit Milliardenbudgets entstehen, sammelt Schwerin in der Schelfstadt Spenden, um den Innenraum einer Kirche zu sichern, die jeder Tourist, der mal vom Schloss rüber läuft, in sein Foto-Album knipst. Die Ironie könnte kaum bitterer sein: Schwerin bewirbt sich mit dem Schloss, der Schelfkirche und dem ganzen Barock-Ensemble als Kulturstandort, ist aber bei der wichtigsten Aufgabe – der Pflege – auf das Wohlwollen der Hansestadt angewiesen. (denkmalschutz)
Eine besorgte Bürgerin, die anonym bleiben möchte, sagte der Redaktion: „Ich finde das eigentlich schön, dass Hamburg uns hilft. Die können sich das ja leisten. Vielleicht sollten wir das öfter machen. Hamburg-Sanierung, München-Schwimmbad, Frankfurt-Theater. Dann müssen wir hier gar nichts mehr selbst zahlen.“ Die Schweriner Stadtverwaltung wollte den Vorschlag nicht kommentieren, sondern verwies lediglich auf das laufende Haushaltsverfahren, in dem man sich bekanntermaßen mit einem voraussichtlichen Defizit von mehr als 20 Millionen Euro im städtischen Haushalt im Jahr 2026 konfrontiert sieht. Spenden aus Hamburg passen da nahtlos ins Bild.
750.000 Euro als Initialzündung
Die beiden Hamburger Stiftungen, deren Namen die Kirche mit Rücksicht auf die laufenden Verhandlungen noch nicht öffentlich machen möchte, helfen nach Angaben des NDR mit einer Großspende, um die geplante Sanierung der Schelfkirche zu ermöglichen. Ein Sprecher der Kirchengemeinde sprach von einer „überwältigenden Geste der Solidarität“, ein anderer von einer „Initialzündung, die uns durch die nächsten Jahre tragen wird“. In der Schelfstadt – dem historischen Stadtteil, der Schwerin an seiner teuersten Adresse vor der Landesregierung überhaupt sein Eigen nennt – herrscht vorsichtiger Optimismus.
Wenn man schon 25 Jahre über die Sanierung redet, dann ist 750.000 Euro aus Hamburg wenigstens mal ein Anfang. Es soll ja Leute geben, die sagen, das Land müsse das selbst zahlen. Aber wer soll das bezahlen? Der Landeshaushalt ist doch selbst ein einziger Sanierungsfall.
Anwohner aus der Schelfstadt
Die CDU-Landtagsfraktion kündigte unterdessen an, man werde sich im kommenden Haushaltsausschuss „intensiv mit der Frage beschäftigen, wie Schweriner Kirchen zukünftig verstärkt durch Bundes- und EU-Fördermittel unterstützt werden können“. Die SPD-Fraktion regte an, eine „Schweriner Stiftungsinitiative“ ins Leben zu rufen, die sich gezielt an Ex-Schweriner wenden soll, die es in andere Städte verschlagen hat und dort zu Wohlstand gekommen ist. Die Idee dahinter: Wer aus Schwerin weggegangen ist, soll wenigstens mit Spenden die Heimatstadt stützen. „Wir haben da ein riesiges Reservoir an Leuten, die Hamburg, München oder Berlin finanziell weiterhelfen“, so ein SPD-Abgeordneter. „Es wird Zeit, dass die etwas zurückgeben.“
Die Stadt Schwerin selbst plant unterdessen die nächste Sitzung des „Runden Tisches Schelfstadt“, an dem Vertreter von Kirche, Verwaltung und Denkmalschutz teilnehmen werden. Auf der Tagesordnung: die Frage, ob die Sanierung der Schelfkirche nicht doch auch in Eigenregie gestemmt werden könnte. Ein Erörterungstermin wurde für August 2026 in Aussicht gestellt. Bis dahin bleibt die Schelfkirche das, was sie immer war: ein Symbol – nur diesmal nicht für den Glanz der Landeshauptstadt, sondern für die Abhängigkeit Schwerins vom Wohlwollen anderer Städte.
Foto: Niteshift / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
Quelle: NDR 1 Radio MV
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