Willkommen in der Landeshauptstadt. Fünf Tage hat die neue Polizeistation am Marienplatz durchgehalten, dann war Schluss mit der heilen Welt. In der Nacht zu Dienstag, gegen 23 Uhr, sprühte ein bislang unbekannter Täter ein Anarchie-Symbol auf eines der Fenster der frisch eröffneten Wache. Vor laufenden Kameras, versteht sich. Direkt unter einer der am dichtesten videoüberwachten Stellen der Schweriner Innenstadt.
Die Aufnahmen, so teilt die Polizei mit, werden live ins Revier in der Graf-Yorck-Straße übertragen. Man sieht also zu. In Echtzeit. Und trotzdem hat es geklappt. Der Staatsschutz ermittelt, die Stadtverwaltung hat die Beseitigung des Graffitis veranlasst, die Anzeige wegen Sachbeschädigung läuft. Alles wie immer, nur dass die Wache, die genau das verhindern sollte, selbst das Ziel war.
Videoüberwachung, die niemanden überwacht
Die Marienplatz-Kameras sind seit Jahren Sinnbild einer Debatte, die in Schwerin niemand wirklich führen will: Brauchen wir mehr Technik, oder mehr Personal? Die Wache, so die offizielle Sprachregelung, soll die Polizeipräsenz in der Innenstadt erhöhen und das Sicherheitsgefühl stärken. Geöffnet ist sie allerdings nur bis 19 Uhr. Danach steht sie da, mit ihren Kameras, die ins Revier funken, und ihrem freundlichen Empfangstresen, den niemand mehr bedient.
Was dann passiert, sieht man jetzt: Ein Sprühdose-Fan aus der linken Szene spaziert vor laufenden Kameras an der Wache vorbei und verewigt sich. Ob die Polizei anhand der Aufnahmen schnell fündig wird, wird sich zeigen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Tat in den Akten unter „Jugendlicher Streich, Randale im Schwellenbereich“ verschwindet, dürfte jedenfalls nicht gegen null gehen.
Ich hab das ehrlich gesagt erst für nen Witz gehalten. Die Wache ist doch noch keine Woche alt. Aber in Schwerin wundert einen inzwischen gar nichts mehr.
Anwohnerin, Marienplatz
Sicherheitsgefühl ist kein Sicherheitszustand
Was bleibt, ist eine Wache, die montags bis freitags bis 19 Uhr besetzt ist, eine Videoüberwachung, die in Echtzeit ins Revier überträgt, und ein Sicherheitsgefühl, das sich vor allem aus dem Wissen speist, dass jetzt überhaupt jemand da sein könnte. Wenn überhaupt. Die Schweriner Innenstadt ist nicht gefährlicher geworden durch den Vorfall – sie war nur kurz ehrlicher. Wer am Marienplatz unterwegs ist, weiß: Hier wird viel gesehen, aber wenig gemacht.
Die neue Wache ist eine PR-Maßnahme mit Wachdienst-Charakter, die Opposition wird das Thema in der nächsten Stadtvertretung aufgreifen, der Innenausschuss wird tagen, man wird einen Bericht anfordern, der Bericht wird kommen, und am Ende wird die Wache um eine zweite Kamera ergänzt. Und in fünf Wochen wird die erste Schmiererei an der zweiten Kamera sein. Willkommen in der Landeshauptstadt. Wir freuen uns auf das nächste Jubiläum.
Bildquelle: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons / CC BY 3.0
Quelle: schwerin.news: Anarchie auf dem Marienplatz – vor laufenden Kameras
Quelle: schwerin.news
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