Fünf Schulranzen für 98.000 Einwohner: Schwerin zeigt, wie Ehrenamt aussieht, wenn die Stadt es nicht macht
Man nehme einen Second-Hand-Laden, eine engagierte Frau, ein bisschen Federmäppchen und ein Kuchenbuffet von Omas gegen Rechts – fertig ist die Schweriner Lösung für ein Problem, das eigentlich eines mit bundesweiter Bühne wäre. Die Kreislaufhelden um Julia Geisendorf haben in der Petrusgemeinde ihr erstes Kinderfest „Ranzen Helden – Weil jedes Kind wichtig ist“ veranstaltet. Fünf Kinder haben einen Schulranzen bekommen. Fünf. Bei 98.308 Einwohnern, davon geschätzt ein paar Tausend Schulanfänger im nächsten Sommer.
Willkommen in der Landeshauptstadt, in der Sozialpolitik da stattfindet, wo eine Handvoll Ehrenamtlicher nach Feierabend die Lücken stopft, die Verwaltung und Landtag offenlassen. Das Kinderfest war bunt, herzlich, mit Hüpfburg, Kinderschminken, der Freiwilligen Feuerwehr Lübstorf, einem Kostüm-Dino und einem Clown. Clowns sind in der Schweriner Sozialpolitik seit jeher systemrelevant, weil das Geld für die ernsten Akteure fehlt.
Der Anmelde-Fail, über den niemand reden will
Geisendorf erzählt offen, was andere Hilfsorganisationen ebenfalls beobachten: Viele Familien, die einen Schulranzen brauchen könnten, melden sich nicht an. „Viele Menschen haben Vorbehalte, sich irgendwo anzumelden“, sagt sie. Das ist der eigentlich beunruhigende Satz in der ganzen Geschichte. Denn wer sich nicht traut, eine Mail zu schreiben, weil er nicht weiß, ob das Amt irgendwann vor der Tür steht – der braucht nicht nur einen Ranzen, sondern ein komplett anderes Verhältnis zum Staat.
„Dat is hier in Mecklenburg so – de Hürde is nich dat Geld, dat is de Anmeldung. Wer sich arm fühlt, will sich nich outen, indem er um Hilfe bittet.“
Julia Geisendorf, Kreislaufhelden Schwerin
Die Lösung der Kreislaufhelden: Familien mussten sich nicht vorher anmelden, Kinder konnten vor Ort stöbern und sich ihren Lieblingsranzen selbst aussuchen. Fünf gingen raus, weitere sollen folgen. Die gespendeten Ranzen waren vorher gereinigt, mit Federmappen, Turnbeuteln und Stiften bestückt worden. Klingt nach dem, was eigentlich Aufgabe einer Schulverwaltung wäre. Ist es aber nicht. Deshalb macht es jetzt ein Second-Hand-Laden in der Petrusgemeinde. Mit Clown.
Schwerin hat nur eine Sorte Hilfsstruktur
Was hier passiert, ist ehrlich gesagt die traurigste und gleichzeitig schönste Nachricht der Woche. Traurig, weil eine Stadt mit 98.000 Einwohnern, die zugleich Landeshauptstadt ist und einen Landtag im Schloss beherbergt, eine Kinder-Ranzen-Vergabe über einen Second-Hand-Laden abwickelt, als wäre das normal. Schön, weil es zeigt, dass das, was den Laden am Laufen hält, nicht das Schloss ist, sondern die Leute, die nach Feierabend Ranzen putzen, Kuchen backen und sich um Kinder kümmern, die im System durch das Raster fallen. (schwerin)
Julia Geisendorf plant eine Neuauflage. „Es war der erste Testlauf, es soll auf jeden Fall wieder stattfinden.“ Man wünscht ihr, dass die Stadt diesmal nicht nur zuschaut, sondern mit einer Spende, einem Raum und einer ordentlichen Liste sozialer Träger ankoppelt. Stattdessen darf man gespannt sein, ob im nächsten Doppelhaushalt wenigstens ein Topf „Schulranzen für Erstklässler“ auftaucht – oder ob das auch in 2027 wieder die Kreislaufhelden bezahlen. Mit Clown, mit Kuchen, mit Hürde.
Bildnachweis: Leeloo The First / Pexels
Quelle: Nordkurier: Kinderfest in Schwerin verbindet Spaß und Hilfe
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