Schwerin hat einen Michelin-Stern. Einen einzigen. Nach über 800 Jahren Stadtgeschichte, nach zahllosen Kantinen-Erfahrungen und einer kulinarischen Landschaft, die bisher vor allem durch Reibekuchen, Fischbrötchen und die Phrase „kennen wir uns nicht aus MV?“ geprägt war, hat es endlich geklappt. Das Gourmetrestaurant „1751″ im historischen Weinhaus Uhle darf sich fortan mit dem Prädikat „Ein Stern: eine Küche voller Finesse“ schmücken.
Küchenchef Marcel Kube und sein Team servieren im restaurierten Tonnengewölbe eines mehr als 250 Jahre alten Gebäudes in der Schweriner Altstadt ein Fünf- oder Sieben-Gänge-Menü mit vegetarischem Schwerpunkt sowie je einem Fisch- und Fleischgang zur Auswahl. Überwiegend regionale Produkte, sagt der Guide Michelin. Wer in Schwerin bislang „regional“ vor allem mit dem Brötchen vom Bäcker nebenan verband, darf sich jetzt also auf ein Upgrade freuen.
Ein Stern für die Kantinenhauptstadt
Der Name „1751″ ist im Übrigen kein Qualitätsurteil, sondern das Gründungsjahr des Hauses — was man bei der Lektüre der Speisekarte gerne mal verwechseln könnte, wenn man sich zwischen den Gängen orientiert. Das Restaurant liegt im UNESCO-Welterbe der Schweriner Residenzlandschaft, also exakt in jenem Postkarten-Ensemble, das die Stadt sonst für ihre Seen, Schlösser und Schelfkirchen vermarktet. Wer schon immer mal wissen wollte, wie Welterbe schmeckt: ab sofort im Tonnengewölbe, gegen Vorbestellung und mit Weinkarte.
Ein Stern wird an Restaurants vergeben, die nach Einschätzung der Tester eine Küche auf hohem Niveau bieten. — Guide Michelin
Endlich. Wirklich? Was sagt der Rest?
Herzlichen Glückwunsch nach Schwerin. Wirklich. Das Weinhaus Uhle mit seinem Hotel- und Weinangebot hat sich diesen Stern redlich verdient, und das Konzept aus regionaler Saisonalität, vegetarischem Schwerpunkt und historischem Ambiente klingt durchdacht. Aber wer sich nun auf der Landeshauptstadt-Marketingwelle ausruht, sollte ehrlich bleiben: Ein einziges Sternerestaurant in einer Stadt, die sich als kulturelles Herz MV versteht, ist kein kulinarischer Triumph, sondern eine längst überfällige Normalisierung. Hamburg hat Dutzende. Berlin hat Hunderte. Rostock hat mehr — und ausgerechnet die mecklenburgische Landeshauptstadt feiert sich für die Premiere, als hätte man gerade einen Auswärtssieg in der Kreisliga geschafft.
Doch: Jeder Anfang zählt. Wer im „1751″ schon mal gegessen hat, weiß, dass der Stern keine Gnade des Guides ist, sondern das Ergebnis konsequenter Arbeit. Vielleicht ist das die Pointe — dass Schwerin beweist, dass Spitzenküche keine Großstadt braucht, sondern nur ein Tonnengewölbe, einen Küchenchef mit Geduld und das Wissen, dass der erste Stern der schwerste ist. Der zweite wird einfacher, sagt man. Warten wir es ab.
Foto: Change C.C / Pexels
Quelle: Schwerin-Lokal
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