Die SG Dynamo Schwerin hat dieser Tage einen Brief an alle Fraktionen der Stadtvertretung geschickt, und wer zwischen den Zeilen liest, erkennt darin die höfliche, aber bestimmte Belehrung eines Sportvereins, der seiner Stadtverwaltung beibringen muss, wie man mit einer wachsenden Mitgliederzahl umgeht, ohne dass die Plätze unter den Schuhen wegbrechen. Im Schwerin.news-Bericht wird deutlich: Dynamo hat eine provisorisch hergerichtete Rasenfläche längst mit eigenen Mitteln zur G-Jugend-Spielstätte aufgewertet. Die Stadt soll das jetzt bitte in einen Kunstrasen verwandeln, weil die Fläche sonst im ersten ordentlichen Herbstregen zu Matsch wird.
Was nach einer Petitesse klingt, ist in Wahrheit ein Offenbarungseid der Schweriner Sportpolitik. Im Sportpark Lankow teilen sich heute zwei Kunstrasenplätze und ein Rasenplatz gleich mehrere Vereine. Dynamo kommt mit 14 Fußballmannschaften, der SSC Breitensport bringt 12 Fußball- und 11 Hockeymannschaften mit. Wer in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern einen Kindergeburtstag mit anschließendem Bolzplatzbesuch plant, sollte am besten Lotto spielen, um den Trainingsslot zu ergattern. Die Stadt, die sich selbst Hauptstadt MV nennt, ist sportlich betrachtet ein Verein auf Landkreisliga-Niveau, was die Infrastruktur angeht. (schwerin)
Nach dem Ende der Paulshöhe: Verwaltung hat das Rechnen verlernt
Im Schreiben Dynamos taucht ein Detail auf, das in seiner Beiläufigkeit kaum zu überbieten ist: Im November 2025 hatte der Verein vorgeschlagen, eine Rasenfläche im Sportpark Lankow über das Bundesprogramm „Sanierung kommunaler Sportstätten“ in einen Kunstrasen umzuwandeln. Die Stadt Schwerin hat diese Mittel aus Sicht Dynamos „verloren“. Übersetzt: irgendein Sachbearbeiter hat den Antrag nicht, zu spät, oder mit der falschen Postleitzahl eingereicht, und das Geld ist jetzt anderswo verbaut — vermutlich in Bayern, wo Kunstrasenplätze schon zu Schulhof-Standard gehören. Für eine Landeshauptstadt, die mit demographischem Wandel und Abwanderung kämpft, ist das ein ärgerliches Eigentor: Die einzige Wachstumsstory, die Schwerin aktuell hat, sind junge Vereinsmitglieder, und ausgerechnet denen verwehrt man den Platz.
„Wenn ein Verein der Verwaltung erklären muss, dass ein Kunstrasenplatz keine Deko ist, sondern Trainingsgrundlage, dann läuft in der Sportpolitik etwas grundlegend schief.“
— Vereinsmitglied, namentlich nicht genannt, weil er den Fraktionsvorsitzenden noch beim Stadtfest treffen will
Besonders charmant ist der Vorschlag Dynamos, die aktuelle Investitionsvorlage der Stadt für die Weststadt kurzerhand umzuwidmen. Geplant war dort ein Kunstrasenplatz samt Sozialgebäude. Dynamo schlägt nun vor: das Sozialgebäude in der Weststadt, der Kunstrasenplatz in Lankow. Die Stadtverwaltung darf sich also vorstellen, dass sie einen Wunsch genehmigt bekommt, der gleichzeitig clever und billiger ist als die eigene Idee. Selten genug, dass Schweriner Verwaltungsdenken auf diesem Weg korrigiert wird — meist passiert das erst, wenn die Presse anruft.
Den Vogel schießt aber der letzte Absatz des Briefes ab: Dynamo bringt die Container vom Neubau des Schweriner Gerichtsgebäudes ins Spiel. Wenn die irgendwann zurückgebaut werden, könnten sie nach Lankow umgesetzt und als Umkleiden, Duschen, Aufenthaltsräume dienen. Der entsprechende Antrag auf Vorbescheid wurde laut Verein bereits im April 2022 positiv beschieden. Übersetzt in vier Jahren Verwaltungsschlaf: Schwerin verschläft einen genehmigten Plan, ein Gericht wird neu gebaut, und am Ende landen die Container dort, wo sie gebraucht werden. Das ist nicht etwa Spektakuläres, das ist Alltag in einer Verwaltung, in der selbst Kleinstprojekte vier Jahre Vorlauf brauchen, bevor ein Container vom Gericht in einer Sportanlage steht.
Die Stadtvertretung muss sich also entscheiden: Entweder sie nimmt den Vorschlag Dynomos an und gesteht ein, dass der Verein die Sportpolitik der Stadt besser versteht als die Verwaltung selbst. Oder sie ignoriert den Brief, lässt Lankow weiter auf zwei Kunstrasenplätzen verwaisen und wundert sich in ein paar Jahren, warum die Mitgliederzahlen plötzlich sinken. Die Chancen stehen fifty-fifty — immerhin hat Schwerin es schon geschafft, ein Bundesprogramm zu versemmeln. Ein bisschen mehr Verwaltungsversagen geht immer.
Foto: Peter Dyllong / Pexels
Quelle: schwerin.news: Zu wenig Platz für zu viele Mannschaften
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