Kurioses

Ausgemusterte Altkleider-Container werden zu Rollatorgaragen: Auf Rügen macht das DRK vor, was Schwerin seit Jahren verschläft

Man stelle sich vor: Der Markt für Altkleider bricht weg, 50 ausgediente Container stehen auf dem Hof, der Entsorger rückt nicht an. Was macht der gemeine Norddeutsche? Er lamentiert. Was machen die Rügener Werkstätten? Sie bauen aus dem Schrott Hochbeete, Holzlager und Garagen für Rollatoren. Klingt banal. Ist es aber nicht. Denn während andernorts längst umgedacht wird, fristet ausrangiertes Material in unserer geliebten Landeshauptstadt Schwerin oft genug ein trauriges Dasein auf Hinterhöfen.

Wie die tagesschau.de berichtet, hat in den Rügener Werkstätten vor gut zwei Monaten ein Upcycling-Projekt begonnen. Mitarbeiter nehmen die Türen und Klappen aus den Metallkästen heraus und bauen sie nach Kundenwunsch um. Das können einfache Holzlager sein, Hochbeete, Abstellorte für Pakete oder Garagen für Rollatoren, mit Tür zum Abschließen, aufrecht stehend, ganz nach Wunsch. „Seitdem klingelt das Telefon bei mir heiß“, sagt Werkstattleiter Sören Baumeister.

400 Tonnen gesammelt, vier Tonnen verwertbar

Der Anlass ist so ernst wie unspektakulär: Die Altkleidersammlung wurde eingestellt, weil der Markt dafür zusammengebrochen ist. Zum einen wurde die Qualität der gespendeten Kleidung immer schlechter, zum anderen wurde es immer schwieriger, die Ware wieder auf den Markt zu bringen. „Wir haben 400 Tonnen im Jahr gesammelt, davon konnten wir am Ende vielleicht noch vier Tonnen ausgeben, wenn überhaupt“, so Baumeister. 400 Tonnen rein, vier Tonnen raus. Der Rest war Müll, der keiner mehr haben wollte.

„Seitdem klingelt das Telefon bei mir heiß. Einer kostet 50 Euro und wird auf Wunsch auch geliefert.“

Sören Baumeister, Werkstattleiter Rügener Werkstätten

Ein Container kostet 50 Euro, Lieferung inklusive. 50 Stück seien noch zu haben. Wer jetzt denkt: „Na bitte, geht doch“, hat die Rechnung ohne Schwerin gemacht. Hier tagt erst einmal eine Arbeitsgruppe. Dann wird eine weitere Arbeitsgruppe einberufen, um die erste Arbeitsgruppe zu evaluieren. Am Ende schreibt das Sozialministerium eine Förderrichtlinie, die nie jemand abruft, weil sie an Voraussetzungen hängt, die kein Sozialprojekt erfüllen kann. So oder so ähnlich sieht das seit Jahren aus.

Schwerin hat die Ideen. Nur den Mut nicht.

Dabei gäbe es genug zu tun. Allein in Schwerin stehen Dutzende ausrangierte Container auf Parkplätzen von Supermärkten, an Vereinsheimen und hinter Wertstoffhöfen. Sie rosten vor sich hin, weil sich niemand zuständig fühlt. Ein paar freundliche Anrufe bei den Sozialwerkstätten, ein gemeinsamer Workshop mit dem DRK, schon hätte man auch hier Hochbeete für Schulen und Kitas. Rollatorgaragen, die tatsächlich gebraucht werden in einer Stadt mit wachsendem Anteil älterer Mitbürger. Paketboxen für die Mietshäuser, in denen der Briefträger ohnehin jeden zweiten Tag klingelt, weil der Nachbar nicht zu Hause ist.

Stattdessen wartet man in Schwerin auf das fertige Konzept aus der Verwaltung. Auf die perfekte Lösung, die am Ende keiner umsetzt, weil sie auf 17 Seiten Regelwerk niemand mehr versteht. Auf Rügen hat man einfach angefangen. Ohne Förderbescheid. Ohne Evaluation. Mit zwei Mitarbeitern, einem Werkzeugkasten und 50 Containern, die jetzt sinnvoll weiterleben. In Schwerin würde man das Konzept erstmal drei Jahre lang in einem Modellprojekt testen, dann in einem Folgeprojekt verlängern, dann einschlafen lassen.

Man kann es den Rügener Werkstätten gönnen. Sie zeigen, wie man mit wenig Aufwand, gesundem Menschenverstand und ohne Rücksprache mit zwölf Ämtern aus vermeintlichem Abfall etwas Sinnvolles macht. Schwerin darf sich davon gerne eine Scheibe abschneiden. Aber das wird vermutlich genau so lange dauern, wie die Landeshauptstadt für alles andere braucht: Ewig.

Foto: Kritzolina / Wikimedia Commons / CC0

Quelle: tagesschau.de

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