In Schwerin wird gebaut. Oder besser: In Schwerin wird gesperrt, was den Unterschied zwischen einer echten Baustelle und einer rein symbolischen Baustelle ausmacht. Vom 29. Juni bis voraussichtlich 17. Juli setzt der städtische Eigenbetrieb SDS – Stadtwirtschaftliche Dienstleistungen Schwerin den Gehweg in der Eugen-Langen-Straße instand. Das klingt erstmal nach Normalität im kommunalen Sommerloch. Ist es auch – bis man realisiert, dass hier für eine Gehweg-Instandsetzung eine dreiwöchige Vollsperrung eingeplant ist. Drei Wochen. Achtzehn Werktage. Für einen Gehweg. In einer Stadt, deren Verwaltung sonst bei jeder Straßensanierung an die absolute Schmerzgrenze des Verwaltungsrechts geht.
Was den Vorgang zusätzlich veredelt: Der Gehweg wird voll gesperrt. Fußgängerinnen und Fußgänger können „den gegenüberliegenden Gehweg nutzen“. Das klingt einleuchtend, ist aber in der Eugen-Langen-Straße in etwa so hilfreich wie ein Regenschirm in der Sahara. Die Anwohnenden wissen nämlich längst, dass der gegenüberliegende Gehweg ohnehin der ist, den sie täglich benutzen – weil die Baustellenseite schon vorher so kaputt war, dass kein Mensch freiwillig dort langlief. Die Vollsperrung verändert also nichts an der Realität. Sie verändert nur die Begründung.
Halteverbotszone als Dreingabe
Als Draufgabe gibt es eine Halteverbotszone, was in Schwerin ungefähr so viel bedeutet wie in anderen Städten eine zusätzliche Sicherheitsschleuse am Eingang eines Schwimmbads. Die Halteverbotszone wird eingerichtet, die Anliegenden erhalten detaillierte Informationen über das Vorhaben, und der SDS bittet „um Berücksichtigung der Bauarbeiten in der persönlichen Terminplanung, erhöhte Aufmerksamkeit in den betroffenen Bereichen und bedankt sich für das Verständnis“. Das Verständnis ist das, was Schwerinerinnen und Schweriner am Ende tatsächlich aufbringen müssen, denn:
Wer zwischen dem 29. Juni und dem 17. Juli in der Eugen-Langen-Straße zu tun hat, parkt woanders, läuft woanders und nimmt die dreiwöchige Beeinträchtigung als preußische Naturgewalt hin.
„Der SDS bittet um Berücksichtigung der Bauarbeiten in der persönlichen Terminplanung, erhöhte Aufmerksamkeit in den betroffenen Bereichen und bedankt sich für das Verständnis.“
Stadt Schwerin, in der höflichsten Form, die man für eine dreiwöchige Gehweg-Sperrung finden kann
Schwerin, die Stadt der kurzen Wege und langen Sperrungen
Die Eugen-Langen-Straße reiht sich nahtlos ein in die Galerie der Schweriner Großbauprojekte, die so klein sind, dass sie kaum einer bemerkt – aber so langlebig, dass jeder sie mitbekommt. Zwischen Marienplatz und Schloss, zwischen den vier Straßenbahnlinien und dem Pfaffenteich wird beständig irgendetwas gesperrt, halbseitig befahrbar gemacht oder als „Baustelle mit erhöhter Aufmerksamkeit“ ausgewiesen. Die Verwaltung nennt das Infrastrukturpflege. Die Anwohnenden nennen es das, was es ist: die dritte Sperrung in diesem Quartal.
Was die Sache abrundet: Instandsetzung bedeutet in Schwerin nicht „reparieren und Schluss“. Es bedeutet: Sperrung aufstellen, Halteverbotszone einrichten, Anwohner informieren, Terminplan anpassen, Verständnis einfordern – und am Ende einen Gehweg, der zwar weniger Schlaglöcher hat, aber dafür drei Wochen lang nicht benutzbar war. Wer in der Eugen-Langen-Straße wohnt, hat also die Wahl zwischen Gehweg früher kaputt, aber benutzbar und Gehweg jetzt heil, aber drei Wochen gesperrt. Es ist, wie so oft in Schwerin, ein Pyrrhussieg auf Pflastersteinen.
Fazit: Pflegefall mit Ansage
Die Schweriner Gehwege sind, man muss es so deutlich sagen, das, was die Stadt am konsequentesten ignoriert. Erst wenn ein Pflaster so lose ist, dass es bei Windstärke 4 nach oben klappt, wird eine Vollsperrung eingerichtet. Der SDS erledigt das, was er erledigen muss, mit dem Personal, das er hat, in der Zeit, die er dafür bekommt. 18 Werktage für eine Gehweg-Instandsetzung ist in etwa so ambitioniert wie ein Schweriner Sommer ohne Regen – also: möglich, aber statistisch nicht relevant.
Bis zum 17. Juli heißt es also: gegenüberliegender Gehweg, Halteverbotszone, erhöhte Aufmerksamkeit, persönliche Terminplanung. Und wenn alles gut geht, steht am Ende ein neuer Gehweg, auf dem wieder niemand läuft, weil die Anwohner sich an den gegenüberliegenden gewöhnt haben. Willkommen in Schwerin. Wo der kleinste Eingriff eine Großbaustelle ist.
Foto: Nicolas J Leclercq / Unsplash
Quelle: SN-Aktuell
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