Kurioses

Dieser Schweriner Kirschbaum hat 88 Jahre überlebt. Mehr als die meisten Landespolitiker.

Schwerin hat ein neues Wahrzeichen. Und es steht nicht im Stadtmarketing-Folder, nicht im Touristen-Begleitheft, nicht im Wahlprogramm. Es steht am Tannenhof 18, in einem 2000 Quadratmeter großen Landhausgarten, und es ist ein Kirschbaum. Ein 88 Jahre alter Kirschbaum mit 3,50 Meter Stammdurchmesser, 20 Meter Kronendurchmesser und geschätzten 15 Metern Höhe. Schwerinerin Ulrike Wiemer hat ihn ins Herz geschlossen – und damit auch ein Stück Stadtgeschichte.

Der Baum wurde vermutlich um 1938 gepflanzt, als die Siedlung entstand. Er steht geschützt, hat wenig Wind abbekommen, wurde in Ruhe gelassen. Das Ergebnis: ein Koloss, der dasteht wie aus einer anderen Zeit. „Ich habe schon viele große Kirschbäume gesehen. Aber der hier haut mich um“, schreibt der Nordkurier-Reporter, der den Garten für die „Offenen Gärten in MV“ besuchte.

„Es traut sich nur leider keiner ran. Ein Baumpfleger, den ich kontaktiert hatte, erschien erst gar nicht. Wir gönnen ihm sonst Ruhe. Wir lassen ihn so lange leben, wie er möchte.“

Ulrike Wiemer, Gartenbesitzerin

Am 13. und 14. Juni öffnet Ulrike Wiemer ihren Garten zum zweiten Mal. Kaffee, Kuchen, ein steifer Nacken beim Blick nach oben – und das ehrliche Eingeständnis einer Schwerinerin, dass sie nicht weiß, wie lange dieser Baum noch leben wird. 40 bis 60 Jahre ist das normale Alter für eine Süßkirsche. 88 ist außergewöhnlich. Und dass niemand vom städtischen Grünflächenamt vorbeikommt, um den Baum wenigstens zu würdigen, ist ehrlich gesagt auch außergewöhnlich. Aber vielleicht hat das Amt gerade Wichtigeres zu tun. Parkgebühren an einer Radsporthalle kassieren, die noch gar nicht steht. Ehrenamtler zur Kasse bitten. Oder die nächste Altglascontainer-Baustelle planen.

Während die Landeshauptstadt in immer neue Großprojekte investiert, die entweder halbfertig oder umstritten sind, leistet sich Schwerin am Tannenhof ein Naturdenkmal, das all das überdauert. Pflanzjahr 1938. Lebt heute noch. Hat zwei Weltkriege, drei politische Systeme, fünf Ministerpräsidenten und gefühlt 200 Baustellen überstanden. Inklusive der laufenden Altglascontainer-Sanierung in der Neumühler Straße, die gerade echt ein Erlebnis ist, weil sie gar nicht stattfindet.

Wer sich am Wochenende auf den Weg macht: einfach hingehen, Maßband mitbringen, kurz staunen, Kaffee trinken. Der Eintritt ist frei. Der Baum nimmt nichts. Die Stadt hat den auch nicht bezahlt. Wie so vieles, was in Schwerin tatsächlich funktioniert.

Zum Nachlesen

Foto: Quang Nguyen Vinh / Pexels

Quelle: Nordkurier

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