Während in Mecklenburg-Vorpommern ein Schulcaterer vor einem strukturellen Systemversagen bei der Schulverpflegung warnt, sieht die Stadt Schwerin einmal mehr keine Probleme. Das Unternehmen Knolles Küche aus Demen hat einen Offenen Brief an die Landesregierung, Kommunen und Schulträger geschrieben, der inzwischen von 41 Einrichtungen und Unternehmen unterstützt wird. Die zentrale These: Steigende Preise führen zu sinkenden Teilnehmerzahlen, sinkende Teilnehmerzahlen zu weiter steigenden Preisen. Eine Spirale, die laut Caterer-Geschäftsführer Jörg Küfen „mathematisch instabil“ sei.
Die Stadt Schwerin sieht das naturgemäß anders. Auf Anfrage erklärte eine Sprecherin der Landeshauptstadt, wirtschaftliche Probleme bei den an staatlichen Schweriner Schulen tätigen Caterern seien „derzeit nicht bekannt“. Hinweise auf Einschränkungen bei der Mittagsversorgung lägen ebenfalls nicht vor. Man kennt das: Wo kein Kläger, da kein Kläger.
Wenn die Stadt nichts weiß, weiß sie nichts
Was Knolles Küche konkret beschreibt, klingt weniger nach Panikmache und mehr nach Mathematik. Pro Ausgabestelle fallen Fixkosten an, unabhängig davon, ob 30 oder 150 Kinder am Mittagessen teilnehmen. Sinkt die Zahl, verteilt sich der Fixkostenblock auf weniger Portionen, der Preis pro Essen steigt. Das wiederum melden Familien ab. Der Effekt verstärkt sich selbst. Der wirtschaftliche Kipppunkt liegt nach Berechnungen des Unternehmens bei etwa 50 bis 60 Essensteilnehmern pro Tag.
Die wirtschaftliche Untergrenze, so Knolles Küche, liege selbst bei guter Auslastung bei rund 5,80 Euro pro Mahlzeit. In MV werden aktuell zwischen 4,50 und 7,50 Euro pro Mittagessen aufgerufen. In anderen Bundesländern, so das Unternehmen, würden Teile dieser Strukturkosten durch Kommunen oder Länder übernommen. Hier nicht. Hier zahlen die Eltern. Und melden ihre Kinder ab.
Wir haben einen Offenen Brief geschrieben, 41 Einrichtungen stehen hinter uns, und das Bildungsministerium sagt uns, es sei nicht zuständig. Das ist die Art von Dialog, die man in Schwerin wohl unter ernsthafter Auseinandersetzung versteht.
Jörg Küfen, Geschäftsführer von Knolles Küche, sinngemäß
Zuständigkeits-Pingpong auf Schweriner Art
Was an dem Vorgang besonders schwerinerisch wirkt, ist die institutionelle Reaktion. Auf den Offenen Brief reagierte zunächst die Staatskanzlei im Auftrag von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und leitete das Schreiben an das Landwirtschaftsministerium weiter. Das Bildungsministerium erklärte unterdessen, man werde keine Stellungnahme abgeben, weil das Landwirtschaftsministerium zuständig sei. Das Landwirtschaftsministerium wiederum sieht das Thema offenkundig bei Bildung und Soziales. Die Anfragen der Redaktion an beide Häuser blieben unbeantwortet.
Klassisches Schweriner Zuständigkeits-Pingpong. Wer in unserer geliebten Landeshauptstadt ein echtes Problem hat, lernt schnell, dass jede Behörde erstmal prüft, ob die andere zuständig ist, bevor sie selbst tätig wird. Das ist keine Satire, das ist Verwaltungsrealität. Man könnte auch sagen: Der eigentliche Systemversagen findet nicht in den Schulküchen statt, sondern in den Amtsstuben.
In Schwerin selbst wird die Lage entspannt gesehen. Die Stadt vermietet die Räume an die Caterer, die Auswahl läuft über Ausschreibungen, die Entscheidung trifft die Schulkonferenz. Die Organisation der Verpflegung liege bei den Schulen. Eigene Zuschüsse, so die Sprecherin, könne die Stadt wegen der angespannten Haushaltslage nicht leisten. Man begrüße aber, sollte das Land Mittel bereitstellen.
Was bleibt, ist ein Bild, das man aus Schwerin kennt: Ein Problem wird benannt, Daten werden vorgelegt, eine wachsende Zahl an Unterstützern sammelt sich hinter der Kritik, und die offizielle Reaktion lautet: Wir prüfen das, sehen aktuell aber keinen Handlungsbedarf. So, oder so ähnlich, könnte man auch über den Zustand der Straßenbahnen, den Schuldenstand der kommunalen Wohnungsgesellschaft oder den Leerstand am Marienplatz sprechen.
Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise. Schön, dass 41 Einrichtungen den Mund aufgemacht haben. Weniger schön, dass die Stadt Schwerin so tut, als hätte sie den Mund voll. Aber wir haben ja das Schloss. Das reicht bekanntlich als Argument für alles.
Foto: Steward Masweneng / Pexels
Quelle: Schwerin-Lokal (SNO)
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