Politik

Buhrufe für den Aufarbeiter: Schwerin ehrt den letzten DDR-Diktator und buht den Kritiker aus

Schwerin, Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern mit stolzen 96.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, war Anfang Mai Schauplatz einer Premiere, die noch immer nachhallt. Der Dokumentarfilm „Kommunist“ über den früheren SED-Funktionär Egon Krenz feierte beim Filmkunstfest Schwerin seine Uraufführung. Krenz, 89 Jahre alt und letzter Staatsratsvorsitzender der DDR, bekam eine Bühne. Nicht irgendeine Bühne. Die Bühne, auf der einst die DDR-Filmkunst ihr Selbstverständnis zelebrierte. Und die Diskussion, die der Film auslöste, war vermutlich der einzige Moment, in dem das Filmkunstfest in den vergangenen drei Jahren überregional überhaupt wahrgenommen wurde.

Buhrufe für den Diktaturaufarbeiter

Burkhard Bley, seines Zeichens Landesbeauftragter für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Mecklenburg-Vorpommern, setzte sich ins Publikum und tat das, wofür er bezahlt wird: Er schaute sich den Film an, dokumentierte die historischen Lücken und kritisierte das Ergebnis anschließend sachlich, aber scharf. Die zentralen Vorwürfe: Im Film fehle die namentliche Erwähnung der Mauertoten, Krenz‘ eigene Verantwortung werde relativiert, der Rechtsstaat werde infrage gestellt, und die berüchtigte „chinesische Lösung“, die Krenz am Tian’anmen-Platz bewundert habe, komme gar nicht vor. An keiner Stelle bekenne sich Krenz zu irgendetwas. Bleys Fazit: zu viel Bühne für Legendenbildung.

Was dann geschah, war im besten Sinne schwerinerisch: Das Publikum buhte. Nicht den ehemaligen DDR-Funktionär, der da auf der Bühne saß und sich als missverstandenen Humanisten inszenierte. Sondern den Mann, der ihn anhand der Fakten erinnerte. Wer in Schwerin auf der richtigen Seite der Geschichte stehen will, der lernt offenbar schnell: Kritik an der DDR ist hier weniger Konsens als Geschmacksfrage.

„Ich denke mal, dass man bestimmte Fakten da drin haben muss, wenn es um die Person Krenz geht. Stichwort Mauertote, die da gestreift werden. Seine eigene Verantwortung wird relativiert.“

— Burkhard Bley, Landesbeauftragter für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Mecklenburg-Vorpommern

Kunstfreiheit als letztes Argument

Regisseur Lutz Pehnert wehrte sich routiniert: Das Werk sei kein Journalismus, sondern ein künstlerischer Essay. Die Filmfest-Organisatoren verwiesen auf die öffentliche Debatte, die der Film auslöse – „was könne einem Film besseres passieren“. Die Filmförderung des Landes verwies auf die Unabhängigkeit der Jury und die Kunstfreiheit. Und Kulturministerin Bettina Martin ließ ausrichten, Politik solle sich da „tunlichst nicht einmischen“. Wörtlich wünschte sie sich „wirklich eine kritische Diskussion“ und bedankte sich artig bei Bley dafür, dass er diese führe. Eine Ministerin, die sich bei ihrem Beauftragten für Diktaturaufarbeitung dafür bedankt, dass er überhaupt auftritt – das ist eine eigene Form der staatstragenden Satire.

Die eigentliche Pointe kommt jetzt: Der Film startet bundesweit in den Kinos. Mit einer Gala im Berliner Babylon. Wieder mit dem 89-jährigen Egon Krenz auf der Bühne. Wieder mit Applaus. Und wieder mit der Frage, was eigentlich passieren muss, damit ein Landesbeauftragter für Diktaturaufarbeitung in Mecklenburg-Vorpommern in seiner eigenen Stadt nicht ausgebuht wird, sondern gehört.

Wer zahlt, darf schweigen

Bley, der in der Debatte erstaunlich nüchtern bleibt, stellt eine Frage, die in Schwerin geradezu revolutionär klingt: Sollte künftig genauer hingeschaut werden, welche Stoffe die unabhängige Jury mit Landesmitteln fördert? Die aktuellen Förderrichtlinien verlangen bereits, dass die Identität Mecklenburg-Vorpommerns gestärkt wird, dass die Produktion Umweltstandards genügt, und dass Gendergerechtigkeit berücksichtigt wird. Warum, fragt Bley, sollte man nicht auch reinschreiben, dass Diktaturen nicht zu relativieren sind? Eine zumutbare Bitte, möchte man meinen. In Schwerin ist sie offenbar ein Tabubruch.

Kritiker warnen, das sei Wasser auf den Mühlen der AfD, die ja an die Regierungsmacht kommen könnte und dann nur noch patriotische Kultur fördern würde. Das Argument hat etwas von einem Erschießungskommando, das sich selbst als Geisel nimmt: Wer eine öffentliche Diskussion über den moralischen Kompass der eigenen Filmförderung anstößt, wird mit der AfD gleichgesetzt. Die Landeshauptstadt hat offenbar mehr Angst vor der AfD als vor einem 89-jährigen Mann, der sich im Kino als verkannter Humanist feiern lässt.

Kommende Woche nun sollen Gespräche zwischen Bley und der Landesfilmförderung beginnen. Beide Seiten sprechen miteinander. Immerhin. Vielleicht einigen sie sich auf eine „Erweiterung und Präzisierung der Förderkriterien“. Vielleicht auch nicht. In Schwerin ist beides möglich. Die Hauptsache ist: Es wird geredet. Dass am Ende herauskommen könnte, dass die Landeshauptstadt 2026 eine 35-minütige Debatte darüber führt, ob Diktatur-Aufarbeitung eine Förderbedingung sein darf – das sagt mehr über den Zustand der Republik als jeder Film.

Foto: Tim Evanson / Wikimedia Commons / CC BY-SA 2.0

Quelle: NDR

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