Schwerin wird digital vermessen. Ab dem 13. Juli rollen wieder die silbergrauen Aufnahmefahrzeuge der Firma Cyclomedia durchs Stadtgebiet – und diesmal bleiben sie gleich sechs Wochen. Bis voraussichtlich 24. August 2026, so Schwerin-Lokal, fahren die mit Kameras und Laserscannern bestückten Wagen durch sämtliche Stadtteile, um „das gesamte Stadtgebiet in hochauflösenden 360-Grad-Aufnahmen“ zu erfassen.
Stadt und Stadtwerke lassen das machen. Zweck: Bauplanung, Hausanschlüsse, Versorgungsnetze, Radwege, Barrierefreiheit, Einsatzplanung von Sicherheits- und Rettungskräften. Klingt harmlos. Ist es vermutlich auch. Aber sechs Wochen flächendeckende 360-Grad-Vermessung in einer Landeshauptstadt sind auch ein gewisses Statement.
Datenschutz als Beruhigungspille
Natürlich beteuern die Beteiligten, dass alles seine Ordnung habe. Gesichter von Passanten und Kfz-Kennzeichen würden „automatisch unkenntlich gemacht, bevor die Bilder den Nutzern zur Verfügung gestellt werden“. Eine Veröffentlichung der Panoramabilder sei „nicht vorgesehen“. Man darf das glauben. Man darf aber auch daran erinnern, dass dieselbe Firma bereits Ende 2024 in Schwerin unterwegs war – und die Datensätze bis heute in irgendwelchen Verwaltungsservern liegen.
„Früher mussten wir für viele Fragen erst ins Auto steigen – heute reicht oft ein Blick auf die digitalen 360-Grad-Aufnahmen“, schwärmt René Scheibe, Technik-Chef der Stadtwerke. Übersetzung: Früher hat ein Sachbearbeiter zwei Stunden durchs Viertel gefahren, heute scrollt er durch ein Google-Street-View-Pendant der eigenen Stadt. Sechs Wochen Vermessung, damit eine Verwaltungsmitarbeiterin nicht aufstehen muss.
„Die virtuelle Ortsbegehung ermöglicht es uns, Arbeitsprozesse zeitsparender und kostengünstiger zu erledigen. Verwaltungsinterne Prozesslaufzeiten und der Bürgerservice können durch die Nutzung der Bilder verbessert werden.“ – Bernd Nottebaum, Schwerins Baudezernent.
Schwerin, die selbstvermessene Stadt
Immerhin: Die Autos fahren. Die Kameras filmen. Die Daten fließen. Das Einzige, was nicht fließt, ist irgendetwas, das am Ende bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommt. Kein Bürger wird in den nächsten sechs Wochen auf der Straße stehen und von einem vorbeifahrenden Cyclomedia-Auto profitieren. Dafür hat man später ein hochauflösendes Bild seiner eigenen Hecke im Verwaltungscomputer – unkenntlich gemacht, versteht sich.
Wer in den kommenden Wochen also auffällige Wagen mit Kamera-Aufbauten auf dem Dach durch Lankow, Mueß oder die Altstadt rollen sieht: einfach freundlich winken. Erkannt wird man auf den Behörden-Bildern ohnehin nicht mehr. Was bleibt, ist das beruhigende Gefühl, dass eine schöne neue, datensparsame Verwaltungswelt entsteht – millimetergenau digital vermessen.
Foto: Holzklöppel / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
Quelle: Schwerin-Lokal
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