Gesellschaft

AWO Schwerin verleiht Babypuppen an 13-Jährige: 24-Stunden-Schrei-Marathon für die große Lebensentscheidung

Schwerin/Gadebusch. Die Arbeiterwohlfahrt Schwerin hat ein neues Projekt gegen Teenager-Schwangerschaften gestartet, und die Methode ist so einfach wie radikal: Man leiht 13-Jährigen für 24 Stunden eine schreiende Plastikpuppe, die sich nicht ausschalten lässt, nicht still wird und nachts um drei das gesamte Sorgerecht einfordert. Die erste Testgruppe aus Schwerin und Umland hat den Probelauf jetzt überlebt – wenn auch knapp.

„Sucht euch eins aus“, sagt Antje Paetsch, Schwangerschaftsberaterin bei der AWO Schwerin, und legt die Babysimulatoren auf den Tisch. Nackt, mucksmäuschenstill und mit einem Gesichtsausdruck, der nichts Gutes verheißt. Die 16-jährige Louisa traut sich zuerst nicht. Dann greift Leah zu, der Rest der Gruppe folgt. Was folgt, ist 24 Stunden gelernte Elternschaft, nur dass das Kind drei Kilo wiegt, batteriebetrieben schreit und am Ende des Tages in der Schublade verschwindet – was die wenigsten Eltern echter Kinder von sich behaupten können.

Wer 13 ist, darf schon üben, was 18 nicht darf

Die Idee der AWO ist bestechend: Bevor junge Menschen in Schwerin und Umland eine echte Familienplanung starten, sollen sie am eigenen Leib erfahren, was passiert, wenn der Wecker nachts klingelt, die Windel voll ist und niemand kommt, der mal eine Stunde auf das Kind aufpasst. Ab 13 Jahren sollen Schülerinnen und Schüler die Puppen in die Arme gedrückt bekommen – auf freiwilliger Basis, versteht sich. Was an einer Aktion freiwillig ist, die in der achten Klasse stattfindet, wollen wir an dieser Stelle mal nicht weiter vertiefen.

„Noch ahnen sie nichts von der unruhigen Nacht“, denkt sich Schwangerschaftsberaterin Antje Paetsch, während die Jugendlichen noch scherzen und sich gegenseitig die Strampler umbinden.

Schwerin hat statistisch gesehen kein dramatisches Problem mit Teenager-Schwangerschaften, aber es hat ein Problem mit Aufklärung, das tiefer sitzt als jede Puppe es simulieren könnte. Die AWO stemmt mit dem Projekt einen Teil dieser Arbeit, den Schulen, Elternhäuser und Gesundheitsämter seit Jahren mit schöner Regelmäßigkeit liegen lassen. Babysimulatoren sind da das, was immer funktioniert: ein bisschen Erschrecken, ein bisschen Empathie, ein bisschen praktische Erfahrung – und am Ende weiß zumindest eine Handvoll Jugendlicher mehr, als TikTok ihnen je beigebracht hätte.

Schweriner Zwischenbilanz: Wenig Schlaf, viele Erkenntnisse

Die ersten Probandinnen – Louisa, Leah, Max, Marie und Luisa – haben den 24-Stunden-Test mittlerweile hinter sich. Was sie dabei über Schlafentzug, Fläschchen-Temperatur und die akustischen Eigenschaften eines schreienden Säuglings gelernt haben, darf man sich in etwa so vorstellen wie den Unterschied zwischen einer Fahrstunde und einem Motorradunfall. Beides lehrt etwas über Geschwindigkeit, aber nur eines tut weh.

Ob aus dem Probelauf am Ende eine gesamtstädtische Präventionsstrategie wird, hängt nun am Geld, am Willen der Schulen und an der Frage, wie viele Babypuppen die AWO in den nächsten Haushalt bekommt. Klar ist: Wenn eine schreiende Plastikpuppe mehr erreicht als der schulische Aufklärungsunterricht, dann sagt das weniger über die Puppe aus als über ein System, das jahrelang weggeschaut hat, während es auf dem Papier immer alles im Griff hatte.

Die AWO will in den kommenden Wochen an Schulen in Schwerin und Gadebusch gehen. Wer den Projektnamen „Babybedenkzeit“ liest, ahnt bereits, dass es nicht um Werbung fürs Elternwerden geht, sondern um die ehrliche Frage: Wollt ihr das wirklich? Eine Frage, die in Schwerin bislang zu oft erst dann gestellt wurde, wenn die Antwort schon feststand.

„Ich hab‘ schon richtig Muttergefühle“, sagt eine 16-Jährige irgendwann zwischen zweitem Fläschchen und drittem Schreianfall – und meint das an diesem Punkt vermutlich bitterernst.

Foto: Compagnons / Unsplash

Quelle: Nordkurier

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