Willkommen in Mecklenburg-Vorpommern, wo Schafwolle das neue Gold ist. Also fast. Denn für Riko Nöller aus Lohmen ist die Realität weniger glänzend: Er bekommt 20 Cent pro Kilo Wolle. Zwanzig. Cent. Sein Schafscherer kostet ihn mehr. Sein Nachbar, der Schäfer aus dem Nachbardorf, hat das Geschäft mit Wolle schon vor Jahren an den Nagel gehängt. Übrig bleibt: der Versuch, das Tierprodukt wenigstens als Dünger an den Mann oder die Frau zu bringen.
Immerhin: In Hohen Luckow bei Rostock hat man jetzt eine zündende Idee. Klingt zündende Idee hier wörtlich – man presst die Wolle durch eine Pelletmaschine, bis sie so heiß ist, dass die Keime absterben. Was dabei rauskommt, sind kleine braune Kügelchen, die nach nichts aussehen, aber Stickstoff, Kalium und Schwefel enthalten. Funktioniert als Langzeitdünger. Ist im Biolandbau zugelassen. Steht im Baumarkt in Güstrow im Regal. Bio-Dünger aus Schafpulli. Willkommen in der Zukunft der Landwirtschaft.
Wertschätzung mal anders
Was an dieser Geschichte wirklich wehtut: Es ist nicht die Technik, die fehlt. Es ist der Wert. Nöller erzählt im NDR-Interview, dass zu DDR-Zeiten 125 Ostmark pro Kilo Wolle flossen. Heute: 20 Cent. Sein Wollfett hält die Pellets zusammen. Mehr braucht es nicht. Kaffeesatz, Pferdemist, irgendwelche Zusatzstoffe – alles getestet, alles überflüssig. Das Schaf liefert alles, was man braucht. Es wird nur nicht bezahlt.
„Fühlen tut man sich da nicht gut. Ist ein nachwachsender Rohstoff, der irgendwo nicht vernünftig genutzt wird.“
Riko Nöller, Schäfer aus Lohmen
300 Kilo und ein Baumarkt
Pilotphase. Noch. Bisher sind 300 Kilogramm Pellets über die Ladentheke gewandert. Online, in einem Baumarkt, vielleicht bald auch im Hofladen um die Ecke. Projektleiter Ulrich Zinser vom Innovations- und Bildungszentrum IBZ klingt, als würde er die nächste Mondlandung vorbereiten – dabei ist es ein Düngemittel auf Schafwollbasis. Aber hey: Im Land, in dem das schnellste Auto ein Trecker ist, zählt jede Innovation, die nicht aus Berlin kommt.
Was bleibt? Ein Schäfer, der 500 Schafe hält, 20 Cent pro Kilo bekommt, dafür aber jetzt auf jedem Hoffest als Pellet-Pionier gefeiert wird. Die Textilindustrie hat die Wolle verraten, der Lebensmitteleinzelhandel hat die Wolle verraten, jetzt soll der Gartenbesitzer sie retten. Bio, regional, nachhaltig. Klingt gut. Bezahlt wird’s nur leider immer noch nicht.
Wir in Schwerin schauen auf Lohmen, Hohen Luckow und Güstrow und sagen: Weiter so. Wenn schon der Rest der Republik kein Interesse an Schafwolle hat, dann wird sie eben in MV zu Dünger. Wertschätzung geht anders. Aber immerhin: Wertschöpfung.
Foto: Keith Weller / Wikimedia Commons / Public Domain
Quelle: NDR MV
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