Kurioses

Acht Radler, 560 Kilometer, ein Brief: Wie Schwerin seinen diplomatischen Postweg neu erfand

Schwerin, Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, knapp 96.000 Einwohner, hat sich in diesen Tagen zu einer kleinen verkehrspolitischen Großmacht aufgeschwungen. Acht Unentwegte – sechs Frauen, zwei Männer – schwingen sich seit Montagmorgen auf ihre Räder, um in neun Tagesetappen 560 Kilometer bis nach Wuppertal zurückzulegen. Der Anlass: die Städtepartnerschaft mit der nordrhein-westfälischen Großstadt, die 1987 geschlossen wurde und damit die erste Partnerschaft Wuppertals mit einer DDR-Stadt war. Fast vier Jahrzehnte nach dem historischen Handschlag pflegt man die Verbindung nun also mit Kondition, Isomatte und Wanderpokal – nicht mit einem einfachen Brief, nicht mit einer E-Mail, nein, mit Muskelkraft.

Begleitet werden die Radler von einem offiziellen Schreiben der Stadt. Schwerins stellvertretender Oberbürgermeister Bernd Nottebaum (CDU) verabschiedete die Truppe am Montagmorgen und drückte dem ADFC einen Brief an Wuppertals Oberbürgermeisterin Miriam Scherff (SPD) in die Radtasche. Man wünschte den Tourteilnehmern beste Gesundheit und eine gute Rückkehr – was sich wie eine Randnotiz liest, in Wahrheit aber der eigentliche Kern dieser Aktion ist: Die Landeshauptstadt MV vertraut ihrem wichtigsten partnerschaftlichen Schriftverkehr einer achtköpfigen Fahrradstaffel an.

Zelt, Stadtfest und die Schwebebahn

Die Ausrüstung wurde auf den Rädern verstaut, geschlafen wird im Zelt, in der ersten Etappe ging es nach 17 Kilometern zur Kindertagspause nach Lübesse, weiter zur ersten Übernachtung in Dömitz an der Elbe. Tagesleistungen von 50 bis 70 Kilometer stehen auf dem Plan, in Wuppertal wartet dann neben offiziellen Terminen und Museumsbesuchen vor allem eines: eine Fahrt mit der Schwebebahn. Es darf bezweifelt werden, dass die Schweriner Delegation dort auf ähnliche Technik zurückgreifen kann – eine Schwebebahn in Schwerin ist nicht einmal im Arbeitskreis, geschweige denn in der mittelfristigen Finanzplanung.

„Wir haben den Pokal 2012 bekommen, zwei Wochen später war er wieder da. Daraus sind Freundschaften entstanden. Auf dem Rad brauchen wir vier Wochen für die Strecke – auf dem Postweg wäre der Brief in zwei Tagen da.“

— Roberto Koschmidder, stellvertretender ADFC-Vorsitzender Schwerin, sinngemäß

Die Stadt selbst pflegt nach eigenen Angaben sieben Städtepartnerschaften, der ADFC hat mit seiner Tour fast alle davon abgearbeitet – einzig Tallinn steht noch aus, geplant für das nächste Jahr. Damit ist die Schweriner Partnerschaftsdiplomatie in den Händen eines Fahrradverbands, der die Außenpolitik der Landeshauptstadt nebenbei miterledigt. Was im Rathaus an Konzepten für internationale Beziehungen fehlt, wird auf dem Sattel improvisiert.

Stadtradeln als Selbsttherapie

Der Starttermin war dabei kein Zufall: Am 1. Juni lief auch das Schweriner Stadtradeln an, das Bernd Nottebaum pünktlich promoten durfte. Acht Radler, 560 Kilometer, ein Wanderpokal, ein Brief und 13 Jahre Stadtradeln – das ist die Bilanz einer Landeshauptstadt, die sich international lieber per Muskelantrieb verständigt. Die Ironie: Während in Schwerin über digitale Gewerbesteuerbescheide und andere Verwaltungsmodernisierungen debattiert wird, läuft die wichtigste amtliche Korrespondenz der Stadt offenbar noch immer über den Pedalen. Eine E-Mail hätte es auch getan, aber dann wäre die Pressemitteilung ausgefallen.

Was bleibt, ist das schöne Bild von acht Schwerinern im T-Shirt mit Wuppertal-Aufdruck, die an der Stadtgrenze von ein paar Unterstützern verabschiedet werden, mit Wanderpokal im Gepäck, offiziellem Brief in der Satteltasche und Schwebebahn-Fahrkarte als Reiseproviant. Schwerin ist Landeshauptstadt, hat das Staatstheater, das Schloss, die Seen – und einen Postweg, der unter Umständen länger dauert als die Busreise zum BER. Wenn das kein Grund ist, stolz zu sein, dann weiß Manni es auch nicht.

Foto: Pavel Danilyuk / Pexels

Quelle: Nordkurier: Für die Städtepartnerschaft nehmen acht Schweriner 560 Kilometer auf sich

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