Gesellschaft

94 Prozent der Schweriner Wohnungen sind nicht altersgerecht – und die Stadt tut so, als wäre das ein Naturgesetz

94 Prozent. Das ist kein frühzeitiges Wahlergebnis aus dem Schweriner Rathaus. Es ist der Anteil der Wohnungen in Schwerin, die nicht altersgerecht sind. Von rund 59.700 Wohnungen sind gerade einmal 3.600 so ausgestattet, dass ältere Menschen dort selbstständig mit Rollator oder Rollstuhl leben können. Sechs Prozent, die übrigen 94 Prozent warten darauf, dass die Babyboomer-Generation ins Rentenalter kommt – und niemand hat sich darauf vorbereitet.

Das Pestel-Institut hat im Auftrag des Bundesverbandes Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) nachgezählt. Das Ergebnis ist eine einzige Ohrfeige für die Wohnungspolitik der letzten Jahrzehnte. 27.000 Badezimmer in Schwerin – also 45 Prozent – sind zu klein für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen. In 18.000 Wohnungen können Rollstuhlfahrer nicht ausreichend rangieren. 22 Prozent der Hausflure sind zu schmal, um sie mit einem Rollstuhl problemlos zu nutzen. Rund 12.300 Wohnungen sind allein aus diesem Grund für Rollstuhlfahrer unerreichbar.

„Schwerin hat einen enormen Nachholbedarf, um den Wohnungsbestand fit fürs Alter zu machen. Neubau kann zwar helfen, die eigentliche Lösung liegt jedoch im Umbau bestehender Wohnungen.“

Matthias Günther, Institutsleiter Pestel-Institut

Die Welle kommt – ob Schwerin will oder nicht

In den kommenden zehn Jahren gehen allein in Schwerin rund 14.100 Menschen aus der Generation der Babyboomer in den Ruhestand. Das ist keine Prognose, das ist eine demografische Gewissheit. Wer jetzt noch nicht mit dem Umbau anfängt, hat 2036 ein echtes Problem: zu wenig altersgerechte Wohnungen, zu viele Pflegeheime, die bezahlt werden müssen, und eine Stadt, die ihre eigenen Bürger im Regen stehen lässt.

Die Lage ist dabei nicht nur theoretisch prekär. Sie betrifft konkrete Menschen. Wer im Schweriner Altbau eine bodengleiche Dusche will, stößt oft auf ein strukturelles Problem: Die Decken aus den 1950er-Jahren sind zu dünn, um sie ohne größeren Aufwand einzubauen. Das ist kein Schweriner Sonderproblem, aber Schwerin hat besonders viele solcher Gebäude – und besonders wenig Geld, um sie umzubauen.

„Placebo-Zuschuss“ reicht nicht

Die Verbände fordern eine bundesweite „Senioren-Umbau-Offensive“. Die bislang existierenden Förderprogramme seien „zu kompliziert und finanziell nicht ausreichend“. Institutsleiter Matthias Günther spricht Klartext: Wenn der Staat beim Badumbau lediglich zehn Prozent der Kosten übernimmt, ist das ein „Placebo-Zuschuss“. Wer mit 2.000 Euro Zuschuss einen 20.000-Euro-Umbau finanzieren soll, lässt es lieber gleich bleiben – und bleibt in der nicht-altersgerechten Wohnung sitzen, bis der Pflegedienst dreimal täglich klingelt.

BDB-Präsidentin Katharina Metzner bringt es auf den Punkt: „Der Bedarf an seniorengerechten Wohnungen wird in den nächsten Jahrzehnten enorm steigen. Viele Menschen wollten möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben. Dafür müssten die Wohnungen jedoch entsprechend angepasst werden.“ So weit, so einleuchtend. Was fehlt, ist die politische Antwort darauf.

Schwerin hat jetzt noch ungefähr zehn Jahre Zeit, das zu ändern. Danach wird die Welle einfach über die Stadt hinwegrollen – und wer dann noch in einer 60er-Jahre-Wohnung mit zu schmalen Fluren lebt, hat Pech gehabt. Die Frage ist nicht, ob Schwerin sich das leisten kann. Die Frage ist, ob Schwerin es sich leisten kann, nichts zu tun.

Foto: Antonio Lorenzana Bermejo / Pexels

Quelle: Schwerin-Lokal

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