Kurioses

66 Aussteller retten Schwerins Wochenende: Handgemacht-Markt vor der Schlosskulisse, weil die Stadt es selbst nicht kann

Es gibt in Schwerin ein paar Konstanten, auf die man sich verlassen kann. Die Schlaglöcher bleiben. Der ICE kommt nicht. Die Innenstadt schläft um 21 Uhr ein. Und einmal im Jahr, pünktlich zum Sommeranfang, kommt eine Handvoll Kunsthandwerker aus allen Teilen Deutschlands in die Landeshauptstadt, schlägt ihre Stände am Platz an der Siegessäule auf, und für drei Tage sieht es so aus, als wäre hier irgendwas los. Der „Handgemacht-Markt“ gehört zum Schlossfest, das vom 12. bis 14. Juni stattfindet. 66 Aussteller, geöffnet von 10 bis 19 Uhr, handgefertigte Arbeiten, besondere Einzelstücke, kreative Produkte. Klingt hübsch. Ist es auch. Wenn man nicht drüber nachdenkt, warum eine Stadt überhaupt 66 Fremde einladen muss, damit bei ihr überhaupt mal was passiert.

Drei Tage Programm, weil der Rest des Jahres halt nichts läuft

Die Veranstalter Ingrid und Uli Berkau sind mit ihren „Handgemacht-Märkten“ seit vielen Jahren regelmäßig in Schwerin zu Gast. Sie kommen also nicht zum ersten Mal. Und sie kommen auch nicht aus Jux und Dollerei. Sie kommen, weil es in Schwerin niemanden gibt, der das selbst auf die Reihe kriegt. Das ist kein Vorwurf an die Berkauer – die Berkauer sind Profis. Der Vorwurf richtet sich an eine Stadt, die es 364 Tage im Jahr nicht schafft, ihre Innenstadt zu beleben, und die dann am 365. Tag so tut, als sei das Schlossfest der Beweis, dass Schwerin doch kann. Freitag und Samstag: Licht- und Lasershows am Schloss. Samstag: historischer Festumzug. Sonntag: Landtag öffnet. Das klingt erst mal nach Programm. Ist aber in Wahrheit die Auslagerung von Stadtleben an Touristenattraktionen, weil die Stadt selbst nicht in der Lage ist, auch nur einen Grund zu liefern, warum man abends noch rausgeht. (schwerin)

Ein Wochenende, an dem in Schwerin was los ist, ist statistisch gesehen eine Sondersendung. Den Rest des Jahres läuft das Stadtprogramm auf Wiederholung.

Was der „Handgemacht-Markt“ in diesem Jahr wieder mitbringt, ist vor allem: Aussteller, die nicht aus Schwerin kommen. „Auch in diesem Jahr reisen die Aussteller nicht nur aus der Region, sondern aus vielen Teilen Deutschlands an“, heißt es in der Vorankündigung. Das ist die ehrlichste Nebensache, die das Schlossfest zu bieten hat: Für drei Tage kommen Menschen aus dem Rest der Republik, um in Schwerin das hinzustellen, was die Schweriner selbst nicht hinkriegen. Leben in die Bude, Angebot auf die Straße, Grund, das Wochenende nicht nur am Pfaffenteich zu verbringen, sondern auf einen Marktplatz zu gehen. Man kann das als kulturelle Bereicherung feiern. Man kann es aber auch als das lesen, was es ist: Eingesteuertes Stadtleben von außen.

66 Stände, drei Tage, eine Frage

66 Aussteller, die Kunsthandwerk, Kreatives und Kurioses anbieten. Es gibt eine Harfe zu bestaunen und eine E-Gitarre, eine fantasivolle Gestaltung eines Bauzauns und das Kinderrechte-Mobil des Kinderschutzbundes. Für Schwerinerinnen und Schweriner sowie Gäste der Stadt biete sich „damit die Gelegenheit, den Schlossfest-Besuch mit einem Bummel über den Kunsthandwerkermarkt zu verbinden“. So steht es in der Pressemitteilung. „Die Gelegenheit, den Schlossfest-Besuch mit einem Bummel zu verbinden.“ Eine Stadt, die ihren Bewohnern mitteilen muss, dass sie am Wochenende die Gelegenheit haben, bummeln zu gehen. Eine Stadt, in der Bummeln offenbar keine Selbstverständlichkeit ist, sondern ein Veranstaltungspunkt, der eingeplant werden muss.

Man könnte das Schlossfest natürlich auch einfach als das sehen, was es offiziell ist: ein Fest. Ein Highlight im Kalender, ein Anziehungspunkt, ein Aushängeschild. Man könnte sich hinstellen und sagen: Seht her, Schwerin kann doch was. Wir haben das Schloss, wir haben den See, wir haben den Markt, wir haben die Lasershow, wir haben 66 Aussteller aus dem ganzen Bundesgebiet. Die Innenstadt ist dieses Wochenende ein Magnet, das müssen die anderen Städte erstmal nachmachen. Man könnte das tun. Man müsste dann aber ignorieren, dass eine Stadt, die ein Wochenende lang auf Marketingtourismus setzt, an den übrigen 52 Wochenenden nicht in der Lage ist, dasselbe hinzukriegen – und zwar mit eigenem Personal, eigenem Programm, eigenen Ideen.

Schwerin braucht keinen Handgemacht-Markt. Schwerin bräuchte einen Grund, warum man das ganze Jahr über auf den Platz an der Siegessäule geht, ohne dass Lasershow und Schlossfest als Begründung dienen müssen.

Ein fiktiver Spaziergänger, der gerade am Schloss vorbeiläuft und sich nichts dabei denkt

Die Wahrheit ist: 66 Aussteller, drei Tage, ein Festumzug, eine Lasershow – das ist ein Wochenendprogramm, wie es in jeder mittelgroßen Stadt Deutschlands irgendwo stattfindet, mit dem Unterschied, dass anderswo das ganze Jahr über ähnliches läuft. Wochenmarkt, Stadtfest, Open-Air-Kino, Kunstmeile, Tag der offenen Ateliers. In Schwerin ist das Schlossfest die eine Ausnahme, die die Regel bestätigt: Hier passiert nichts, wenn nicht gerade ein Anlass passiert, der mit dem Schloss zu tun hat. Was man den Berkauer-Konzepthandwerkern hoch anrechnen muss: Sie merken das offenbar nicht. Oder sie sind so professionell, dass sie es nicht zeigen. Sie kommen einfach, bauen auf, verkaufen, und fahren wieder. Schwerin bleibt das, was es ist – eine Stadt, die 364 Tage wartet, bis ihr das Wochenende geschenkt wird.

Titelbild: Friedrich Axel Kleinschmidt / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0

Quelle: schwerin.news

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