Schwerin ist Landeshauptstadt, Sitz der Ministerien, Schauplatz jährlicher Tourismus-Werbung und Standort einer höchst dekorativen Schlossinsel. Was die Stadt zwischen Pfaffenteich und Zippendorfer Strandstr. allerdings nicht hinbekommt, ist das Nahversorgungsangebot für ihre eigenen Bewohner – zumindest nicht in Wickendorf. Dort gibt es aktuell keinen einzigen Supermarkt, was eine Gruppe von 600 Anwohnern am Donnerstagabend dazu brachte, dem Stadtrat feierlich eine Unterschriftenliste zu übergeben, um das offenbar festgefahrene Problem noch einmal zu unterbreiten.
Im Schweriner Stadtteil Wickendorf muss man für ein Paket Milch, eine Rolle Klopapier oder den Notfall-Schnelltest-Biervorrat entweder das Auto nehmen, den Bus nach Parchim im Auge haben oder den Nachbarn anpumpen, der ohnehin schon den halben Ort mitversorgt. Mit dem benachbarten Seehof teilt sich Wickendorf die Ehre, in Sachen Grundversorgung eine Art gemeindefreies Gebiet im Speckgürtel der Landeshauptstadt zu sein. So sieht sie also aus, die vielbeschworene „Stadt der kurzen Wege“ – was im Übrigen nahtlos an die Erkenntnis anschließt, dass Schwerin offiziell über den „schlechtester Platz der Stadt“ verfügt. Aber das ist eine andere Geschichte.
400 erwartet, 600 bekommen – ein Schweriner Erfolg
Die Initiatoren der Liste waren im Vorfeld offenbar von 400 Unterschriften ausgegangen. Heraus kamen dann 600. Das entspricht bei rund 1.700 Einwohnern einer Beteiligung von über 35 Prozent – ein Wert, der in keiner Bürgermeisterwahl der letzten Jahre in Mecklenburg-Vorpommern erreicht wurde, geschweige denn bei den jüngsten Landtagswahlen, an die sich hartgesottene Demokratie-Fans nur noch unter Tränen erinnern. Wenn es um Einkaufsmöglichkeiten geht, ist die Demokratie in Schwerin plötzlich quicklebendig.
Geplant ist der Markt am Ortseingang an der Seehoferstraße, also genau dort, wo man als Ortsfremder schon jetzt instinktiv bremst, weil das einzige Hinweisschild „Tempo 30″ lautet und die einzige Infrastruktur eine Bushaltestelle ist. Der Standort gilt unter den Befürwortern als ideal. Der nahe gelegene Postweg sieht das naturgemäß anders.
Anwohner kritisieren Lärm, Lieferverkehr und überhaupt alles
Die Straße Postweg liegt direkt gegenüber dem geplanten Markt. Die Anwohner dort haben angekündigt, das Vorhaben kritisch zu begleiten. Sie sorgen sich – man ahnt es – um Lärm, Lieferverkehr, den Wert ihrer Grundstücke und überhaupt um die Tatsache, dass jetzt direkt vor ihrer Haustür ein Discounter seine Paletten verräumt. Ein klassischer Fall von „nicht in meinem Vorgarten“, der in Schwerin offenbar auch dann funktioniert, wenn der Vorgarten drei Häuser weiter liegt und das eigentliche Problem eine Versorgungslücke ist, die seit Jahren besteht.
„Ich bin ja grundsätzlich für einen Supermarkt, aber bitte nicht hier, nicht so, nicht in dieser Form, und überhaupt hätte man uns vorher fragen müssen.“ – Anwohnerin aus dem Postweg, die selbstverständlich gerade in der Nachbarstadt einkauft
Was die Diskussion im Schweriner Stadtrat in den nächsten Wochen prägen wird, ist die altbekannte Mischung aus Flächenversiegelung, Artenschutz, Verkehrsbelastung und der bohrenden Frage, warum ausgerechnet 600 Menschen in einer Stadt mit rund 100.000 Einwohnern darum betteln müssen, was in jedem Dorf an der B 104 längst selbstverständlich an der Dorfstraße steht. Schwerin plant unterdessen den nächsten Arbeitskreis zum Thema Nahversorgung – mit externer Moderation, drei Terminen, einem Abschlussbericht und ohne Garantie auf einen einzigen zusätzlichen Einkaufswagen.
Bleibt die Hoffnung, dass am Ende nicht wieder ein Beteiligungsverfahren herauskommt, sondern ein Einkaufsmarkt. Wickendorf hat unterschrieben. Jetzt ist der Stadtrat am Zug – und alle, die noch keinen Supermarkt haben, sollten in der Zwischenzeit das Auto vollgetankt lassen.
Foto: Niteshift / Wikimedia Commons / Public Domain
Quelle: NDR
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