Gesellschaft

46 Millionen aus Berlin: In Schwerin streiten Zoo, Stadtwerke und Freilichtmuseum – jeder will sein Stück vom Sondervermögen-Kuchen

Schwerin. Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Knapp 96.000 Einwohner. Aktueller Stand: 46 Millionen Euro aus dem Sondervermögen des Bundes auf dem Konto der Stadt, ein Zoo, der lautstark seinen Anteil eingefordert hat, Stadtwerke, die jetzt nachziehen, ein Freilichtmuseum, das leer ausgegangen ist, und ein amtierender Oberbürgermeister, der versuchen muss, das alles unter einen Hut zu bekommen. Was nach einem normalen Verwaltungsvorgang klingt, ist in Wahrheit ein Verteilungskampf, der ziemlich genau zeigt, wie Schwerin tickt, wenn plötzlich Geld da ist. Nämlich so: Jeder will was. Und zwar sofort.

Worum geht’s? Das Land hat Schwerin etwa 46 Millionen Euro aus dem Sondervermögen des Bundes zugeschanzt. Klingt erstmal nach viel Geld. Ist es auch. In einer Stadt, deren Haushalt sowieso schon ein Flickwerk ist, in dem 20,5 Millionen Euro fehlen, ist so ein Sondertopf eine Art Rettungsboot. Allerdings nur, wenn man es klug verteilt. Was die Stadtverwaltung bisher abgeliefert hat, ist das Gegenteil von klug: Sie hat 2,2 Millionen Euro, die ursprünglich für das Freilichtmuseum Mueß gedacht waren, kurzerhand an den Schweriner Zoo umgewidmet – für einen sogenannten Zoocampus, an dem junge Menschen Einblicke in die Zooarbeit bekommen sollen. Das Freilichtmuseum soll jetzt andere Fördermittel bekommen, was nach „klappt schon“ klingt, in Wahrheit aber bedeutet: Wir nehmen dem einen was weg und geben es dem anderen. Beide Seiten unzufrieden, der OB in der Mitte.

Wenn der Stadtwerke-Chef zum Hörer greift

Und jetzt kommt die Pointe, die so schön ist, dass man sie sich ausgedacht haben könnte, wenn sie nicht echt wäre: Die Stadtwerke Schwerin, also jenes städtische Unternehmen, das ohnehin den Nahverkehr betreibt, die Schwimmhalle betreibt, die Müllabfuhr im Griff hat und in der Lokalpolitik gerne als „unser Stadtwerk“ gefeiert wird, hat in einem Schreiben an OB Bernd Nottebaum vom 1. April 2026 – ja, richtig, April – ganz offiziell ihren Teil vom Kuchen eingefordert. Konkret: Man wolle auch was vom LuKIFG-Geld, also dem Landes-Klimaschutz- und Infrastruktur-Fördergesetz, das die städtischen Millionen verteilt. Übersetzt aus dem Beamtendeutsch: Gebt uns auch was, der Zoo hat’s gekriegt, jetzt sind wir dran.

„Wenn 46 Millionen vom Bund in einer 96.000-Einwohner-Stadt ankommen, ist das keine Chance, sondern ein Verteilungskampf mit Ansage. Jeder will was. Und am Ende kriegt jeder ein bisschen was, und nix ist richtig fertig.“

Ein fiktiver Stadtrat, nennen wir ihn Klaus, zitiert nach reiner Spekulation

Was die Sache so typisch Schwerin macht: Es geht nicht darum, was strategisch sinnvoll wäre. Es geht nicht darum, was die Stadt langfristig braucht. Es geht darum, wer am lautesten schreit. Der Zoo hat angefangen. Er hat sich „übergangen gefühlt“ und lautstark Kritik geübt. Die Stadtverwaltung hat reagiert, das Geld umverteilt, das Freilichtmuseum vertröstet. Und prompt kommen die Stadtwerke und machen das Gleiche. Was jetzt folgen dürfte: Das Theater, das Freilichtmuseum Mueß, die städtischen Kultureinrichtungen, der Sportbund, der Seniorenbeirat, der Pfaffenteich-Verein, der Förderverein der Schlossgartenspiele, irgendwann auch noch der Sieben-Seen-Center-Betreiber. Alle werden sagen: Wir brauchen auch was. Und alle werden damit recht haben. Und keiner wird kriegen, was er wirklich bräuchte.

Sondervermögen als Einmal-Effekt

Das eigentlich Beunruhigende an der Sache ist nicht der Verteilungskampf an sich – der gehört in Schwerin zum politischen Alltag wie die Currywurst zum Schlossfestspiel-Programm. Das Beunruhigende ist, dass dieses Geld aus dem Sondervermögen ein Einmal-Effekt ist. Es löst keine strukturellen Probleme. Es kaschiert sie. Es finanziert einen Zoocampus, der nett ist, aber nichts daran ändert, dass der ÖPNV auf Kleinstadtniveau dümpelt, dass die Innenstadt nach 18 Uhr aussieht wie eine Geisterstadt, dass die Schulen marode sind und der Haushalt ein 20,5-Millionen-Loch hat. 46 Millionen klingt nach viel. Verteilt auf Zoo, Stadtwerke, Freilichtmuseum, Kultur, Schulen, Infrastruktur bleibt am Ende für jeden ein bisschen was, für keinen genug.

Ein Schweriner Bürger, nennen wir ihn Manfred – ja, der kommt in einem SIG-Artikel vor, kennen wir nicht, ist fiktiv – sagte unserer Redaktion, was alle denken: „In anderen Städten wird überlegt, wie man so ein Geld klug investiert. In Schwerin wird überlegt, wer am lautesten schreit. So sind wir. So waren wir. So werden wir bleiben.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht: Vielleicht ist genau das der Grund, warum Thomas S. damals nach Australien gegangen ist. In Sydney werden die Probleme immerhin noch auf Englisch verteilt. In Schwerin werden sie im Schweriner Stadtanzeiger auf Seite 3 verteilt, falls überhaupt.

Foto: Wolfgang Weiser / Pexels

Quelle: schwerin.news

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