Es gibt Momente, in denen Schwerin sich selbst feiert, und es gibt Momente, in denen Schwerin sich selbst feiert und dabei leise merkt, dass das Feiern das Schwierigste ist, was die Stadt noch hinkriegt. Am Sonnabend war so ein Moment. Die Kulturschule Ataraxia wurde 35. Brassband am Pfaffenteich, ABBA-Hymne vom Chor, Kulturdezernent mit Zeitungsartikelsammlung, 1600 Schüler auf der Bühne und im Publikum. Das Fest hätte nicht fröhlicher sein können.
Was bleibt, ist eine Mischung aus Stolz und einem leisen Stirnrunzeln. Eine Musikschule, die seit 1991 durchhält, im Haus der Kultur residiert, mit dem örtlichen Konservatorium kooperiert und 1600 junge Menschen in vier Sparten ausbildet – das ist im Flächenland MV keine Selbstverständlichkeit. Das ist eine Ansage. Aber es ist halt auch nur eine Ansage, weil die Pointe jeder Kulturfeierstunde in Schwerin dieselbe ist: Man feiert das, was man hat, weil man längst weiß, dass das, was man nicht hat, der entscheidende Punkt ist.
5 mal 7 gleich Schwerin-Glück
Schulleiter Hans Jacob verriet bei der Begrüßung die Erfolgsformel: 5 mal 7 macht 35. Die 5 stehe für Kreativität, die 7 für Harmonie. So weit, so hübsch. In einer Stadt, deren Durchschnittsalter bei 47,6 Jahren liegt, deren junge Leute fluchtartig Richtung Hamburg und Berlin ziehen und die in der Wikipedia-Rubrik „kulturelle Highlights“ außer dem Staatstheater und dem Zoo nur noch den Pfaffenteich aufführen kann, ist eine Musikschule mit 1600 Schülern so etwas wie ein letztes Indiz dafür, dass in Schwerin überhaupt noch was nachwächst. Nur wächst das hier halt auch nicht über Nacht. Sondern, wenn überhaupt, über Jahrzehnte.
5 mal 7 macht 35. Kreativität mal Harmonie. In Schwerin müsste die Formel gerade eher 3 mal 9 heißen – und das Ergebnis wäre 27, mit stark sinkender Tendenz.
Die Wahrheit steht in einer Zahl, die bei solchen Feiern gerne unter den Tisch fällt: 400.000 Euro. So viel gibt die Stadt pro Jahr in die Kulturschule. Immerhin, heißt es dann. Immerhin zwei Drittel des gesamten städtischen Kulturförderetats. Wer jetzt „Wow, die kümmern sich ja richtig“ denkt, sollte sich daran erinnern, dass das die komplette Subvention für eine Institution ist, in der 1600 Kinder und Jugendliche Instrumente, Tanz, Kunst und Schauspiel lernen. Pro Schüler sind das grob 250 Euro im Jahr. Eine einzige Klavierstunde beim Privatlehrer kostet in Schwerin fast das Doppelte. Die Frage ist nicht, ob 400.000 Euro zu viel sind. Die Frage ist, was eigentlich passiert, wenn das nicht reicht.
Wer in Schwerin feiert, hat meistens Grund dazu
Kulturdezernent Silvio Horn gratulierte und überreichte der Ataraxia-Geschäftsführerin Daria Gorgel-Schmidt eine Sammlung von Zeitungsartikeln aus der Entstehungszeit der Schule. Symbolträchtig. Eine Stadt, die ihrer Musikschule zum 35. Geburtstag die alte Presse schenkt, anstatt einen Plan zu schenken, wie man die nächsten 35 Jahre überlebt. Schwerin, wohlgemerkt: Eine Stadt, in der Clubs seit Jahren geschlossen werden, in der das Staatstheater regelmäßig ums Überleben kämpft und in der die freie Szene mit 15.000 Euro mehr im Jahr gefördert wird – man könnte das auch die Summe nennen, mit der man in Hamburg eine einzige Galerie zwei Monate lang betreibt.
Was Ataraxia auszeichnet, ist auch das, was in Schwerin zur Ausnahme geworden ist: Beständigkeit. Seit 2001 sitzt die Schule im Haus der Kultur in der Arsenalstraße. 1991 als künstlerisches Bildungsprojekt gestartet, ist sie heute das, was die Stadtverwaltung gerne als „Aushängeschild“ bezeichnet. Was sie nicht so gerne sagt: In derselben Zeit hat Schwerin 30.000 Einwohner verloren. 130.000 waren es 1988, jetzt sind es 98.308. Jeder vierte Schweriner ist über 65, das Durchschnittsalter ist das höchste aller deutschen Landeshauptstädte. Eine Musikschule, die 1600 junge Menschen ausbildet, ist in dieser Stadt keine Selbstverständlichkeit. Sie ist der Beweis, dass man hier überhaupt noch an die nächste Generation glaubt. Nur merkt man eben auch: Was 1991 als Bildungsprojekt begann, ist heute in einer Stadt, die gerade ihre Zukunft wegrationalisiert, ein kleines Wunder. Und Wunder sind in Schwerin Mangelware.
Wir feiern heute 35 Jahre Musikschule. Was wir eigentlich feiern, ist, dass es diese Musikschule überhaupt noch gibt. In Schwerin muss man den Leuten inzwischen erklären, dass das nicht selbstverständlich ist.
Eine fiktive Besucherin, die zwischen Pfaffenteich-Südufer und Harfenstand steht
Was von der Musik bleibt
Die fünfjährige Annelie hat am Samstag Geige ausprobiert. Irgendwann wird sie entscheiden, ob das was für sie ist. Vielleicht bleibt sie in Schwerin, vielleicht zieht sie nach dem Abi nach Hamburg, so wie die meisten. Vielleicht wird sie Berufsmusikerin, vielleicht wird sie Juristin. In jedem Fall hat sie an diesem Sonnabend am Pfaffenteich eine Geige in der Hand gehabt, und in jedem Fall hat Schwerin an diesem Sonnabend eine kleine Gegenrechnung aufgemacht gegen die Statistik, die der Stadt sonst jede Woche aufs Neue sagt, dass hier tendenziell nichts mehr wächst außer die Zahl der Pflegeheimplätze.
Was bleibt, ist die Frage, die bei jedem Fest in Schwerin mitschwingt, ohne dass sie jemand ausspricht: Wann feiern wir das nächste Jubiläum? Wann gibt es den nächsten Grund, ans Pfaffenteich-Südufer zu gehen und Brassband zu hören, ohne dass es das letzte Mal war? 5 mal 7 macht 35, hat Jacob gesagt. Für die nächsten 35 Jahre müsste die Stadt ihre eigene Rechnung aufmachen. Und zwar eine, bei der am Ende nicht 35 rauskommt, sondern eine plausible Antwort auf die Frage, warum eine kleine Musikschule der größte Hoffnungsträger der Landeshauptstadt ist.
Titelbild: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons / CC BY 3.0
Quelle: Nordkurier
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