Schwerin/Rostock. Während in Schwerin seit Monaten Wasser von der Decke des Internationalen Feuerwehrmuseums tropft und Schimmel die wertvollen Exponate bedroht, lässt sich das Land Mecklenburg-Vorpommern eine neue Hightech-Schießanlage für stolze 24,5 Millionen Euro in Waldeck bei Rostock bauen. Der Grundstein wurde am Freitag feierlich gelegt. Finanzminister Heiko Geue (SPD) sprach von "sehr guten Voraussetzungen für eine moderne und realitätsnahe Aus- und Fortbildung unserer Polizistinnen und Polizisten".
Die neue Anlage verfügt über zwei Schießhallen (25 und 50 Meter Schussbahn), Laserbeamer mit hochauflösender Zieldarstellung, kameragestützte Treffererfassung und digitales Mehrdistanzschießen bis 200 Meter. 2,5 Millionen Euro fließen aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Damit setze das Land "neue Maßstäbe" für die Polizeiausbildung, so das Finanzministerium. Was den Rest der öffentlichen Daseinsvorsorge angeht, gelten in Mecklenburg-Vorpommern offenbar weiter die alten, maroden Maßstäbe.
Prioritäten auf Landes Ebene: Schießen ja, Erinnern nein
Die neue Schießanlage ist nicht nur ein architektonisches Großprojekt, sondern auch ein politisches Statement. In einer Zeit, in der Kitas um Erzieherinnen kämpfen, Schwimmbäder schließen und kulturelle Leuchttürme wie das Internationale Feuerwehrmuseum in Schwerin ums Überleben bangen, gönnt sich das Land eine Raumschießanlage, die fast so viel kostet wie der gesamte städtische Kulturhaushalt eines Mittelzentrums. Das Museum, das Generationen von Besuchern für Technik und Ehrenamt begeistert hat, kämpft derweil mit Schimmel, Wasserschäden und der echten Gefahr einer Insolvenz.
"Mit dem Neubau schaffen wir sehr gute Voraussetzungen für eine moderne und realitätsnahe Aus- und Fortbildung unserer Polizistinnen und Polizisten."
– Finanzminister Heiko Geue (SPD), anlässlich der Grundsteinlegung in Waldeck
Die Diskrepanz könnte kaum größer sein. Hier Laserbeamer, dynamische Trainingsszenarien und 200-Meter-Mehrdistanzschießen. Dort ein Museumsdach, das bei Regen seine Exponate selbst mit Wasser versorgt. Die Stadtpolitik in Schwerin hat in den vergangenen Wochen zahlreiche Anfragen an die Verwaltung gerichtet, um den Sanierungsbedarf der Feuerwehrmuseum-Halle zu ermitteln. Konkrete Hilfen? Fehlanzeige. Konkrete Millionen für eine Polizei-Schießanlage? Inklusive EU-Förderung.
Wofür das Geld auch hätte ausgegeben werden können
24,5 Millionen Euro ist eine Zahl, die in MV Dimensionen annimmt, die man sich kaum vorstellen mag. Dafür hätte man das Internationale Feuerwehrmuseum in Schwerin gleich mehrfach sanieren, neu konzipieren und an einem anderen Standort neu aufbauen können. Man hätte landesweit Dutzende marode Sporthallen dämmen, unzählige Schulen digitalisieren oder zumindest einem einzigen Museum das Wasser aus dem Dach ziehen können. Stattdessen gibt es in Waldeck bald kameragestützte Treffererfassung auf 200 Meter.
Man darf gespannt sein, wie das Land die nächsten 24,5 Millionen verteilt. Vermutlich wieder mit klarem Fokus: Schießen statt Erinnern, Treffer statt Tradition, Waldeck statt Schwerin. Die Feuerwehrmuseum-Freunde im ganzen Land werden sich derweil fragen, ob es für den Erhalt des kulturellen Gedächtnisses in MV nicht auch eine Art "modernes, realitätsnahes Einsatztrainingszentrum" braucht. Nur halt eines, in dem man übt, wie man kulturelles Erbe schützt, anstatt es untergehen zu lässt.
Die feierliche Grundsteinlegung in Waldeck ist jedenfalls ein starkes Signal: Mecklenburg-Vorpommern kann Hightech. Man muss nur wissen, wofür.
Reaktionen aus Schwerin
In Schwerin nimmt man die Nachricht aus dem Nachbarlandkreis mit einer Mischung aus Humor und Bitterkeit auf. Während sich die Stadtpolitik noch fragt, welche Fördertöpfe für die Sanierung des Feuerwehrmuseums angezapft werden könnten, ist in Waldeck die Finanzierung längst unter Dach und Fach. Die einhellige Meinung in sozialen Netzwerken: "Wir haben 2026 offensichtlich andere Prioritäten als Brandschutz und Geschichte."
Was bleibt, ist die Gewissheit: Wenn demnächst die ersten Schüsse durch die neue Anlage in Waldeck hallen, werden sie von keinem tropfenden Museumsdach in Schwerin übertönt. Das ist dann doch irgendwie beruhigend.
Foto: U.S. Army photo by Davide Dalla Massara / Wikimedia Commons / Public domain
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Quelle: NDR
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