Schwerin. Ein Taxi, ein stiller Alarm und etwa 100 Kilometer Mecklenburg-Vorpommern – die Polizei hat das Fahrzeug trotz mehrfacher Meldungen einfach weiterfahren lassen. Was wie der Auftakt zu einem schlechten Tatort aus Rostock klingt, ist die jüngste Posse aus dem wunderbaren Schlummer-Deutschland: Landeshauptstadt mit Vollkasko-Gemütlichkeit, in der selbst die Kriminellen pünktlich Feierabend machen.
Der Vorfall liest sich wie eine Bedienungsanleitung dafür, wie man als Taxifahrerin oder Taxifahrer in MV ganz entspannt unter funktionierendem Alarm durch zwei Polizeidirektionen cruisen kann. Die Zentrale soll den Vorfall bestätigen, die Hintergründe sind noch unklar – was aber glasklar ist: Wer in Schwerin in ein Taxi steigt, muss sich neuerdings Sorgen machen, ob er am Ende des Tages in derselben Stadt wieder aussteigt. Wahlweise auch in Rostock. Oder auf der A20. Ganz wie die Batterie will.
Polizei MV: Deeskalation auf Raten
Die Landespolizei hat in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen, dass sie in MV eher an Entspannung als an Eskalation glaubt. Beamte in zivil treten Yogakurse an, Funkstreifen kennen das Tempolimit der Innenstadt auswendig – und bei einem ausgelösten stillen Alarm wartet man halt erst mal, ob das Taxi vielleicht von alleine stehen bleibt. Konsequenz: nichts.
Eine Schweriner Taxifahrerin, die namentlich nicht genannt werden will, gibt im Gespräch mit SIG eine erste Einordnung: „Wenn ich abends um drei in der Lübecker Straße einen Kunden mit Koffer abhole, frag ich mich mittlerweile, ob ich das Taxi danach wiedersehe. Wir haben das Vertrauen in die eigene Sicherheit verloren – nicht in die Kunden, in den Staat.“
Ein pensionierter Polizeihauptkommissar aus Schwerin, der den Vorfall aus der Ferne beobachtet, zeigt sich weniger überrascht als genervt: „Was soll ich Ihnen sagen? Wenn ein stiller Alarm heute in MV ausgelöst wird, fährt der Streifenwagen erst los, wenn der Kaffee ausgetrunken ist. Früher hat man die Waffe gezogen, heute den Dienstausweis – und dann gewartet, bis das Auto von alleine hält. Das ist der Unterschied zwischen damals und heute. Kein Witz.“
„In Schwerin wurde noch nie jemand auf frischer Tat erwischt – höchstens am nächsten Morgen beim Bäcker neben dem Tatort, mit Brötchen und schlechtem Gewissen.“
Landeshauptstadt der gemütlichen Verzögerung
Schwerin ist nicht irgendwo. Schwerin ist Hauptstadt eines Bundeslandes, das bundesweit gern als Vorzeigeprojekt für Demokratie und bürgernahen Staat genannt wird. Während anderswo längst Bodycams getragen werden, wird in der Landesregierung noch über die Anschaffung von Bodycams diskutiert. Während Taxifahrer in Berlin ihre stillen Alarme in unter 60 Sekunden beantwortet bekommen, lässt man in Mecklenburg-Vorpommern das Fahrzeug einfach 100 Kilometer weiter rollen.
Eine Bewohnerin des Komponistenviertels bringt es auf den Punkt: „Ich zahl gern meine Grundsteuer, ich steh auch auf Schwerin – aber ich erwarte, dass der Staat mich nicht im Taxi verklappt. Wenn ich in Berlin in der U-Bahn überfallen werde, kommt wer. In Schwerin? Da kommt der Polizist morgen vorbei – wenn überhaupt.“
Ein Taxiunternehmer aus Schwerin bestätigt gegenüber SIG, dass die Branche den Vorfall aufmerksam registriert: „Wenn die Polizei schon bei einem ausgelösten Alarm zuwartet, dann überlegen wir uns, ob wir den Alarm überhaupt noch auslösen. Die Kunden wollen sicher ankommen, nicht sicher im Nachgang. Aber das ist offenbar zu viel verlangt für ein Bundesland, das noch nicht mal eine ICE-Anbindung hat.“
Am Ende bleibt: Ein Taxi, das 100 Kilometer fährt. Ein stiller Alarm, der niemanden wachrüttelt. Eine Polizei, die offenbar lieber Spazierfahrten macht als Verfolgungsjagden. Und eine Landeshauptstadt, die sich wieder einmal den traurigen Spitzenplatz in der Kategorie „nett gemeint, aber nichts passiert“ sichert. Der nächste Tatort spielt in MV – Hauptdrehtag: ein Taxi, eine Stadtautobahn, ein stummer Alarm.
Foto: SK Strannik / Pexels
Quelle: Ostsee-Zeitung
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