Thulendorf ist ausgeschlafen. Das 600-Seelen-Dorf zwischen Sanitz und Rostock hat Grund zum Feiern: Nach einem Jahr Bauzeit wurde der neue Radweg an der Kreisstraße 120 feierlich freigegeben. 1.700 Meter asphaltierte Piste, 2,50 Meter breit, durchgehend. Kosten: rund 1,2 Millionen Euro. 75 Prozent Fördermittel vom Land, der Rest Eigenleistung. Sogar Kinder durften symbolisch ein Band durchschneiden.
Und Schwerin? Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, immerhin knapp 96.000 Einwohner, schaut zu. Wie immer.
Landeshauptstadt sucht Radweg — noch
Dabei wäre es so einfach. Das Land fördert Radinfrastruktur. Der Bund fördert Radinfrastruktur. Sogar die EU fördert Radinfrastruktur. Man müsste nur irgendwann mal anfangen. In Schwerin wartet man stattdessen auf den nächsten Arbeitskreis zum Thema. Der letzte fand 2019 statt. Ergebnis: eine Powerpoint-Präsentation mit dem Titel „Potentialanalyse Radverkehr Schwerin — Perspektiven bis 2035″. Seitdem ist nicht viel passiert.
„Mit dem Neubau ist ein bedeutender Lückenschluss im regionalen Radwegenetz geschaffen worden.“
Das sagte Kreissprecherin Juliane Hinz in Thulendorf. Schwerin hätte gerne einen „Lückenschluss“. Im Wortsinne. Die Lücken in den Straßenbelägen sind hier Legende, die Schlaglöcher haben eigene Postleitzahlen, und beim ADFC radelt man lieber woanders. Ein Radweg? Von wegen. In der Landeshauptstadt läuft man entweder Auto oder man rumpelt mit dem Rad über Beulen, die in Thulendorf als Radweg durchgehen würden.
Was hat Thulendorf, was Schwerin nicht hat?
Einen Landkreis Rostock. Und offenbar den Willen, tatsächlich etwas zu bauen, statt nur darüber zu reden. 1,2 Millionen Euro für 1.700 Meter — das sind rund 705 Euro pro Meter. In Schwerin würde das Dreifache kosten, nur für die Planung. Genehmigung inklusive. Vielleicht.
Die Schülerinnen und Schüler der Schule an der Carbäk freuen sich in Thulendorf über einen sicheren Schulweg. In Schwerin freuen sich Schülerinnen und Schüler über eine sanierungsreife Schule — die Friedensschule, Baujahr gefühlt Wilhelm II., soll seit 2023 saniert werden, Fertigstellung laut aktuellem Stand: Irgendwann. Vielleicht. Spätestens 2030.
Denn Schwerin hat andere Prioritäten. Man feiert gerade UNESCO-Welterbe. Man gründet Arbeitskreise. Man erstellt Potentialanalysen. Und in Thulendorf? Da wird gebaut. Einfach so. 1,7 Kilometer. Für 1,2 Millionen. In einem Dorf mit 600 Einwohnern.
Die Landeshauptstadt gratuliert. Irgendwann.
Foto: Snap Wander / Unsplash Quelle: NDR MV: Neuer Radweg bei Thulendorf freigegebenSchwerin ist Geil auf WhatsApp
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