Gesellschaft

Schwerin wird zum Forschungsobjekt: Wenn Wissenschaftler über das eigene Zuhause reden, als wäre es ein Entwicklungsland

Mueßer Holz und Neu Zippendorf bekommen Besuch. Nicht von Touristen. Nicht von der Presse. Von Wissenschaftlern. Das Leibniz-Lab „Umbrüche und Transformationen“ veranstaltet am 28. Mai eine Konferenz unter dem Titel „Die Zukunft der Großwohnsiedlungen in Schwerin“.

Man könnte jetzt sagen: Schön, dass sich die Wissenschaft für unsere Stadtteile interessiert. Man könnte aber auch – und das wäre ehrlicher – fragen: Muss das so klingen, als würden wir hier über Flüchtlingslager oder post-sowjetische Brachen reden?

Drittel der Stadtbevölkerung wohnt in Plattenbau

Rund ein Drittel der Schweriner Stadtbevölkerung lebt in den Großwohnsiedlungen. Das ist keine Randnotiz, das ist eine massive Zahl. Wenn das Leibniz-Institut 28 Forschungsinstitute zusammenholt, um über diese Stadtteile zu diskutieren, dann ist das ein Eingeständnis: Hier gibt es Probleme, die größer sind als die lokale Politik.

Die Frage ist nicht, ob Schwerin ein Problem mit seinen Großwohnsiedlungen hat. Die Frage ist, ob die Antworten jemals über den Forschungsbericht hinauskommen.

Vom Forschungsobjekt zum Integrationslabor

Was auffällt: Die Veranstaltung selbst klingt gar nicht schlecht. Stadtspaziergang, Gemeinschaftsunterkunft, Nachbarschaftsgarten, Eltern-Kind-Zentrum – das sind konkrete Orte mit konkreten Menschen. Man könnte meinen, die Wissenschaft interessiert sich tatsächlich für das, was dort passiert.

Das Problem ist nur: Die Forschung interessiert sich seit gefühlt Jahrzehnten für Schwerin. Seit Jahren wird hier geforscht, evaluiert, begleitet. Die Probleme sind bekannt. Die Lösungen? Fehlansicht.

Das StadtumMig-Projekt hat drei Jahre Großwohnsiedlungen untersucht – neben Schwerin auch Cottbus und Halle. Wenn jetzt Ergebnisse präsentiert werden, ist die berechtigte Frage: Was passiert damit? Werden die Erkenntnisse in Konzepten münden? Oder verschwinden sie wie so vieles in der Schublade?

Schwerin ist kein Entwicklungsland. Aber wenn weiterhin Forschergruppen einfliegen, um über uns zu reden wie über eine Versuchsanordnung, dann sollten wir uns langsam fragen, ob wir nicht selbst das Problem sind. Oder ob uns das Problem von der Forschung ferngehalten wird. Oder beides.

Immerhin: Kaffee und Kuchen gibt’s danach. Das ist doch auch was.

Foto: Niteshift / Wikimedia Commons / Public Domain

Quellen: schwerin.news, Leibniz-Lab „Umbrüche und Transformationen“

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