Gesellschaft

Fast 650 Immobilien verkauft – aber nur acht Eigenheime: Schwerins Traum vom Eigenheim ist ein Witz

Schwerin. Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern verkauft Immobilien. Viel. Fast 650 im vergangenen Jahr. Die Zahl ist gestiegen, wie der Gutachterausschuss für Grundstückswerte in seinem aktuellen Bericht mitteilte. Das klingt erstmal gut, oder? Mehr Verkäufe, mehr Bewegung, mehr Leben in der Stadt. Aber Moment – schauen wir genauer hin.

Denn von den fast 650 verkauften Immobilien waren etwa zwei Drittel Eigentumswohnungen. Klingt nach Boom, ist aber eher nach „Mieter raus, Investor rein“. Nur acht – acht – Grundstücke wurden für den Bau von Eigenheimen verkauft. Acht. In einer Landeshauptstadt mit knapp 96.000 Einwohnern, in der jeder dritte junge Mensch wegzieht, weil es keine bezahlbaren Häuser gibt.

Bauen? Fehlanzeige. Investieren? Bitte.

Die Gründe für die Flaute beim Eigenheim-Bau sind vielfältig und alle bekannt: steigende Baupreise, steigende Zinsen, Ölkrise, Inflation – und eine Stadt, die zwar über Grundstücke verfügt, sie aber offensichtlich lieber bewirtschaftet, als sie für den Eigenheimbau freizugeben. „Es gibt viel Unsicherheit“, sagt ein Sprecher des Gutachterausschusses. Ach was. Unsicherheit. Das Gefühl kennen hier alle. Nur eben nicht, weil die Baupreise schwanken, sondern weil man nicht weiß, ob man in fünf Jahren noch einen Kitaplatz bekommt, eine Straße saniert wird oder die Innenstadt noch existiert.

Ich würde ja gerne ein Haus bauen in Schwerin. Aber erstens: kein Grundstück. Zweitens: wenn’s eins gibt, ist es zu teuer. Drittens: wenn’s bezahlbar wäre, bauen’s trotzdem sechs Bauunternehmen gleichzeitig ab. Also bleibe ich zur Miete. Danke, Schwerin.

– Schweriner Familienvater Andreas S., 34

Immerhin: Der durchschnittliche Preis pro Quadratmeter Boden hat sich gegenüber dem Vorjahr kaum verändert. Das ist, als würde man sagen: „Gut, dass wir nicht auch noch arm sind.“ Ein schwacher Trost in einer Stadt, die über Jahrzehnte jeden Anschluss an die wirtschaftliche Entwicklung Norddeutschlands verpasst hat.

Schwerin verkauft also Wohnungen – aber keine Häuser. Investoren kaufen, Mieter zahlen, Familien gehen woanders hin. Der Bericht wird jährlich erstellt. nächstes Jahr wahrscheinlich wieder mit der Erkenntnis, dass sich kaum etwas geändert hat. Aber hey – fast 650 Immobilien! Fast. Doch.

Foto: jordi / Unsplash Quelle: NDR.de

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