Schluss mit Frühlingsrollen — Schweriner Senioren fangen an, gebratene Forellen aus dem Fenster zu werfen
Es war ein ganz normaler Donnerstagnachmittag in der Lise-Meitner-Straße 15, als das Grauen wieder losging. Die 88-jährige Helga Bräunig sitzt in ihrer Wohnung und hält Protokolle in den Händen. Zeile für Zeile, Tag für Tag. „Nicht zur Kontrolle, zum Nachweis, damit uns überhaupt jemand glaubt“, sagt sie.
Was sie erlebt hat, klingt nach einem schlechten Tarantino-Film: Pöbeleien, Hausverbote, Polizeieinsätze, Urin im Keller, und jetzt — eine gebratene Forelle, die durch die Luft fliegt.
Der Fisch, der durch die Luft flog
Birgit Pieper erinnert sich noch genau an den Moment, als eine gebratene Forelle auf der Wiese landete. „Wir haben sie vor die Tür der Mieterin gelegt. Ich war die Treppe noch nicht einmal runter, da flog der Fisch erneut über Bord“, erzählt sie.
Die Forelle war noch warm, als sie zum zweiten Mal über den Balkon flog. Irgendwie symbolisch für das gesamte Leben hier.
Willkommen im schönen Schwerin. Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns. Knapp 96.000 Einwohner. Und eine Wohnanlage, in der Seniorinnen sich wie in einem Kriegsgebiet fühlen.
Handschellen statt Harmonie
Am Mittwoch, 27. Mai, dann die Eskalation: Die Polizei nahm eine in diesem Fall polizeibekannte Frau auf dem Marienplatz fest — ausgerechnet am Tag, als sie nicht zum Verhandlungstermin erschien. Das Amtsgericht erließ Haftbefehl. „Es erfolgt eine Haftvorführung auf Entscheidung des Amtsgerichtes“, bestätigt Polizeisprecherin Juliane Zgonine.
Ein neuer Verhandlungstermin ist für den 19. Juni angesetzt. Vorausgesetzt, die Frau lässt sich davon beeindrucken.
Die Bewohnerinnen — Helga Bräunig (88), Bärbel Schrank, Birgit Pieper — haben seit über einem Jahr mit Belästigungen zu kämpfen. Worte wie „Kinderschinder, Kinderf*, Stasispitzel, Arsch abbrennen“ vergiften laut eigenen Angaben den Alltag im Haus der Schweriner Wohnungsbaugenossenschaft (SWG).
SWG: „Da die Verfahren laufen, können wir nichts sagen“
Manuela Friedrich, Vorstandsmitglied der SWG, sagt den erschöpften Mieterinnen also: Euch fehlt nur ein guter Anwalt. Oder ein Therapeut. Oder beides.
„Wir arbeiten an einer Lösung“, sagt Friedrich. Genauso wie Schwerin an einer Lösung für seine Innenstadt arbeitet. Genauso wie es an einer Lösung für den ÖPNV arbeitet. Genauso wie es an einer Lösung für alles arbeitet. Nur passiert eben nichts.
Die fliegende Forelle war lediglich der Höhepunkt einer monatelangen Eskalation. Seit über einem Jahr schreiben die Mieterinnen Protokolle. Sie haben Vorfälle dokumentiert, Zeugen gesammelt, die Polizei gerufen. Und die SWG? Die verweist auf „laufende Verfahren“.
Das ist kein Wohnungsproblem. Das ist ein Systemproblem. In einer Stadt, die es nicht schafft, eine Wohnungsbaugenossenschaft dazu zu bringen, ihre eigenen Mieter zu schützen.
Denn wenn in der Landeshauptstadt von MV eine 88-jährige Frau Angst vor ihrer eigenen Nachbarschaft hat, dann ist irgendetwas fundamental kaputt. Nicht nur in diesem Haus. Sondern in einer Stadt, die ihre Schwächsten sich selbst überlässt.
Foto: Ansgar Koreng / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0
**Quellen:**
– Nordkurier: Senioren am Limit — Hier fliegt die gebratene Forelle aus dem Fenster
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Quelle: www.nordkurier.de
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