Politik

Einmal kostenlos bitte: Landtag Schwerin öffnet Wallet für Besucher

Schwerin. In einer Zeit, in der Familien in Mecklenburg-Vorpommern jeden Cent umdrehen, Busfahrkarten die Haushaltskasse belasten und viele Haushalte zwischen Heizung und Ernährung entscheiden müssen, hat der Landtag eine Botschaft, die mindestens so bewegend ist wie ein Werbebanner am Straßenrand: Besucher fahren jetzt kostenlos hin und bekommen ein Mittagessen dazu.

Demokratie erkämpft sich ihr Publikum

Wie der Nordkurier exklusiv berichtet, hat der Landtag Mecklenburg-Vorpommern ein Programm aufgelegt, das Besucher mit kostenfreier Anreise und Verpflegung belohnt. Das Angebot richtet sich an interessierte Bürger – und ja, auch an Schulklassen, die sich im Unterricht bereits mit dem demokratischen System beschäftigen. Oder anders gesagt: Es werden Leute eingeladen, die sich noch nicht so genau informiert haben, wie es um diese Demokratie bestellt ist.

Eine Sprecherin des Landtags, die sich sichtlich Mühe gab, nicht in Jubelrhetorik zu verfallen, erklärte: „Wir wollen zeigen, wie lebendig unsere Demokratie ist. Und wir wollen niemanden daran hindern, teilzuhaben – schon gar nicht finanziell.“ Womit sie natürlich Recht hat. Finanzielle Hürden sind in einer Region, in der das Durchschnittseinkommen eher an den Grenzwert für Sozialleistungen erinnert, ein ernstzunehmendes Hindernis. Nur leider nicht das einzige.

„Mit dem Bus nach Schwerin und dann auch noch Mittagessen? Das klingt besser als alles, was ich in den letzten fünf Jahren an Unterstützung vom Land bekommen habe.“

— Ein nicht namentlich genannter Besucher, der lieber anonym blieb

96.000-mal Landeshauptstadt und trotzdem abgehängt

Schwerin hat etwa 96.000 Einwohner. Es ist die Landeshauptstadt eines Bundeslandes, das seit Jahren in jedem verfügbaren Ranking entweder auf dem letzten oder dem vorletzten Platz liegt – je nachdem, ob man Infrastruktur, Demografie oder Innovationskraft misst. Die Menschen, die hierbleiben, tun das oft aus Mangel an Alternativen, nicht aus Überzeugung. Der Landtag, der in diesem Schloss residiert, das man für Touristen als Aushängeschild vermarktet, ist für viele ein Gebäude, in dem über sie entschieden wird, ohne dass sie je eingeladen wurden. Außer jetzt. Mit Busfahrt und Mittagessen.

Das ist, natürlich, grundsätzlich löblich. Dass ein Parlament sich öffnet, ist keine schlechte Idee. Nur die Umstände machen die Meldung zu einem düsteren Kommentar zur Lage der Region. Wer in MV eine Busfahrt und ein Mittagessen braucht, um sich für Politik zu interessieren, ist vermutlich weniger das Problem – sondern das Ergebnis von Jahren, in denen Politik vor Ort eher als Verwaltung eines schleichenden Niedergangs wahrgenommen wurde.

Positiv formuliert: Endlich gibt es in Schwerin eine Initiative, bei der man kostenlos hinkommt und auch noch verpflegt wird. Schade nur, dass es nicht die eigene Wohnung ist, die bezahlbar saniert wird, nicht die Straße vor der Tür, die seit drei Wintern Schlaglöcher hat, und nicht der ÖPNV, der einen davon überzeugt, doch lieber mit dem Rad zu fahren – wenn die Radwege nicht auch noch ein Fall für die nächste Legislaturperiode wären.

Danke, Landtag. Für die Fahrt und das Essen. Wir melden uns, wenn wir einen Termin für den Besuch unserer eigenen Stadtverwaltung bekommen. Die hat leider weder eine kostenlose Anreise noch ein Mittagessen im Angebot. Aber vielleicht eine Tasse Kaffee im Stehen, falls man Glück hat.

Foto: Martin Kraft / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Quelle: www.nordkurier.de

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