Politik

Schwerin vs. Späti: Wie das Welterbe zum Knüppel gegen die „böse“ Jugend wird

„Das ist keine gute Entwicklung.“ — Sebastian Ehlers (CDU), OB-Kandidat, über einen Späti im Leerstand

Schwerin ist Welterbe. Aber anscheinend nicht für alle.

In der Landeshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns tobt seit Monaten ein Kulturkampf, der so absurd ist, dass man ihn erfinden müsste, wenn er nicht wirklich passieren würde: Die politische Klasse dieser Stadt hat den Späti zum Staatsfeind erklärt. Unter dem edlen Deckmantel des UNESCO-Welterbes soll jetzt verbannt werden, was junge Menschen und migrantische Betreiber am Leben hält.

Feiner Wein darf bleiben, das Feierabendbier nicht

Jacques’ Wein-Depot? Fein. Gehobene Spirituosenhandlung? Selbstverständlich. Aber der Späti an der Ecke — der mit dem Neonlicht und den überlangen Öffnungszeiten —, der muss weg. Die Verwaltung hat beschlossen: Alkohol ist nur dann Kulturgut, wenn er teuer genug verkauft wird.

Wer in den Anträgen der Lokalpolitiker liest, findet den Kampfbegriff der „informellen Partyzone“ rund um den Schlachtermarkt. Feiern beim Musikklub? Stadtfest? Gefeiert als „Belebung“ und „Kultur“. Junge Leute, die sich selbst organisieren und ein günstiges Getränk kaufen? Bedrohung. Für das Abendland, denke man sich in Schwerin.

Die Botschaft ist klar: Der teure Rotwein des gut situierten Bürgers ist ein Kulturgut. Das Feierabendbier der jungen Generation — verkauft vom migrantischen Kioskbetreiber — ist Schmutz. Das ist Klassismus, gepaart mit unausgesprochenen rassistischen Ressentiments.

Der OB-Kandidat hat die Spätis als Wahlkampf-Thema entdeckt

Sebastian Ehlers (CDU) hat in der heißen Phase vor der OB-Stichwahl die Spätis zum Symbol für den Niedergang der City erklärt. Einen Späti in einem ehemaligen Einrichtungsgeschäft — für den OB-Kandidaten keine gute Entwicklung. Punkt. Keine Auseinandersetzung mit Strukturwandel, keine ehrliche Debatte über Leerstand und Kommunalpolitik. Nur das Bekämpfen von Leben.

Und dann kommt der Teil, an dem man wirklich merkt, dass hier jemand nicht regieren will, sondern nur zeigen will, wen er nicht mag: Die Paketannahme. Wenn die Spätis weg sind, wer nimmt dann die Amazon- und Zalando-Bestellungen an? Jacques’ Wein-Depot ganz sicher nicht. Die Zeche zahlt am Ende der normale Schweriner.

Und weil in dieser Stadt der Ordnungsdienst lieber junge Menschen vertreibt, statt Probleme zu lösen, passt das Bild perfekt ins Gesamtwerk. Verboten wird, was der Verwaltung nicht passt. Lösung von echten Problemen? Fehlanzeige.

Schwerin Welterbe. Ja. Für die, die es sich leisten können.

Foto: Jahanzeb Ahsan / Unsplash

Quellen: schwerin.news, NDR

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