Kultur

Schwerin verwandelt Schlossgeist in Hochkultur: Petermännchen tanzt jetzt Ballett

Schwerin – In einer Stadt, die kulturell normalerweise zwischen Hafenfest und Schlossbeleuchtung pendelt, ist etwas Bemerkenswertes passiert: Das Mecklenburgische Staatstheater hat den Schweriner Schlossgeist Petermännchen zum Ballett-Star gemacht. Unter dem Titel „Quid si sic“ — lateinisch für „Was, wenn so?“ — feierte das Stück am 27. März seine Uraufführung im Theaterzelt am Küchengarten. Ein brasilianischer Choreograf, ein belarussischer Komponist und ein mecklenburgischer Zwerg mit Schlapphut. Schwerin halt.

Ein Hut mit zwei Beinen: So sieht Hochkultur in Schwerin aus

Ballettdirektor Jonathan dos Santos — seit 2021 am Haus, seit 2024 Chefchoreograf — kam auf die Idee, als er einen verkleideten Stadtführer sah. „Ich dachte, das ist eine Geschichte wie Peter Pan oder Schwanensee“, erzählt er. Dann merkte er: Es gibt gar keine zusammenhängende Petermännchen-Geschichte. Rund 200 Sagen existieren, aber keinen durchgehenden Plot. Wer Schwerin kennt, ist nicht überrascht — hier fehlt eigentlich immer ein Plan.

„Dieser kleine Mann, man sucht nach ihm, man findet ihn nicht. Er will etwas Gutes tun. Er will diese Welt verbessern.“ — Komponist Leon Gurvitch über das Petermännchen. Oder über Bernd Nottebaum. Man weiß es nicht.

Dos Santos ließ sich nicht beirren. Er holte den in Hamburg lebenden Komponisten Leon Gurvitch ins Boot, der eine Auftragskomposition für die Mecklenburgische Staatskapelle schrieb. Das musikalische Hauptthema leitet sich aus dem Wort „Peter-männchen“ ab — zwei Silbengruppen, zwei musikalische Motive. Klarinette spielt den Dialog des Geistes. Inspiriert von Prokofjew und Strawinsky. In Schwerin. Am Küchengarten. Zwischen ALDI und Parkplatz.

Acht Geschichten, ein verfluchter Prinz und die ewige Frage

Das Ballett erzählt acht Episoden rund um den Schlossgeist, der Legende nach ein verfluchter Prinz, der alle hundert Jahre einem Menschen erscheinen darf, um Erlösung zu erbitten. Spoiler: Klappt nie. Dos Santos hat zwei neue Geschichten hinzugefügt: Was passiert, wenn das Petermännchen die Liebe findet? Und was, wenn es einen Bruder hat? Die Antworten tanzt das Schweriner Ensemble mit einer Begeisterung, die man sonst nur sieht, wenn in der Schlossstraße ein neuer Döner aufmacht.

Die Kritik von tanznetz.de bescheinigt dem Abend „Schwung und Begeisterung“. Besondere Erwähnung findet Anna Korostelova als betrunkene Wache — eine Rolle, die in Schwerin erfahrungsgemäß keine große Schauspielleistung erfordert.

„Endlich mal Kultur in Schwerin, die man nicht googeln muss, um sie zu finden. Und man braucht nicht mal ein Auto — das Theaterzelt ist sogar mit der Straßenbahn erreichbar. Theoretisch.“ — Gisela (63), Dauerkarten-Besitzerin seit 1994

Wer das Petermännchen tanzen sehen will, hat noch bis zum 1. Mai Zeit. Danach verschwindet der Geist wieder hinter die Schlossmauern — und Schwerin geht zurück zum Normalprogramm: Schlossbeleuchtung, Hafenfest und die Frage, ob der Aufzug im Stadthaus heute funktioniert.

Quellen: NDR, tanznetz.de

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