Politik

Schwerin macht aus dem Stadtfest eine Stadtfete – als wäre das Wort Feierlichkeit schon zu wild

Schwerin hat es wieder geschafft, einen bereits überschaubaren Anlass so lange weichzuspülen, bis am Ende selbst der Begriff Stadtfest offenbar zu wild wirkte. Deshalb heißt das Ganze jetzt nicht mehr Stadtfest, sondern Stadtfete. Das klingt nicht nach Ausnahmezustand, sondern nach einer Veranstaltung, bei der jemand gegen 20:15 Uhr darum bittet, die Musik leiser zu machen, weil die Tomatensuppe auf dem Heimweg sonst schlecht im Bauch liegt.

Allein diese Umbenennung ist schon eine kleine Verwaltungssatire für sich. Andere Städte veranstalten Feste, Schwerin veranstaltet inzwischen offenbar lieber Begriffe mit gedämpfter Erwartungshaltung. Fete klingt kleiner, harmloser und vor allem so, als wolle man von vornherein ausschließen, dass irgendjemand auf die Idee kommt, dort tatsächlich Spaß zu haben. Es ist die perfekte Bezeichnung für eine Landeshauptstadt, die bei jeder Form von urbanem Leben sofort prüft, ob das nicht vielleicht schon zu viel Dynamik sein könnte.

Rebranding statt Idee

Wie nun aus einem Termin im Stadthaus bekannt wurde, findet die neue Stadtfete vom 09. bis 11. Oktober 2026 statt und besteht im Kern aus dem, was Schwerin ohnehin schon kennt: Lichterbummel plus ein bisschen mehr. Anders gesagt: Man nimmt etwas, das es schon gibt, faltet es mit anderem Bestehenden zusammen, stellt ein paar Buden und DJs dazu und tut anschließend so, als habe man die Innenstadt kulturell neu erfunden. Das ist nicht Eventplanung, das ist Resteverwertung mit City-Branding.

Der Schlachtermarkt ist für Kinder und Familien vorgesehen, auf dem Marktplatz wird die Bühne aufgebaut, die man von den Dienstagsveranstaltungen vor dem Säulengebäude sowieso schon kennt, am Nordufer des Pfaffenteichs steht ein Rummel, am Südufer legen DJs auf, am Schliemann-Denkmal gibt es Gastronomie und vor einigen Geschäften in der Innenstadt werden Podeste aufgebaut, auf denen Kulturelles dargeboten werden soll. Das klingt weniger nach Stadtfest als nach einer Excel-Tabelle, in der jede bestehende Idee einmal in eine andere Spalte gezogen wurde.

Man hat in Schwerin offenbar festgestellt, dass man kein neues Fest braucht, solange man alte Programmpunkte einfach weit genug auseinanderstellt.

so oder so ähnlich ein Mann, der versehentlich schon am Dienstag geübt hat

Besonders schön ist der Teil mit dem Marktplatz. Dort soll nämlich jene Bühne stehen, die von den Dienstagsveranstaltungen ohnehin schon bekannt ist. Das heißt im Klartext: Selbst der große Mittelpunkt des angeblich neu aufgezogenen Innenstadtformats ist nichts weiter als das, was sowieso schon da ist. Schwerin nennt das vermutlich Synergie. Weniger freundliche Menschen würden sagen: Der Stadt fällt einfach nichts Neues mehr ein.

Und genau da wird es bitter. Denn mit dem Lichterbummel wird nicht etwa etwas ergänzt, sondern faktisch einfach zusammengelegt. Es ist also nicht mehr Fest, sondern eher Verwaltungsfusion mit LED-Beleuchtung. Wieder ein Anlass weniger, wieder ein Stück Eigenständigkeit weniger, wieder ein Beispiel mehr dafür, wie Schwerin kulturelle Ereignisse so lange bündelt, bis am Ende aus mehreren Terminen im Jahr ein einziger großer Termin mit dem Charme eines betreuten Innenstadtumlaufs wird.

Landeshauptstadt der gedämpften Ansprüche

Das eigentliche Problem ist nämlich nicht, dass die Stadtfete schlecht geplant wäre. Das eigentliche Problem ist, dass sie erschreckend gut zu Schwerin passt. Diese Stadt baut seit Jahren Veranstaltungen für genau jene Zielgruppe, die nicht feiern, sondern sich wohlig bestätigt fühlen will, dass es bitte nirgendwo zu laut, zu jung, zu unberechenbar oder zu lebendig wird. Ein bisschen Kultur hier, etwas Gastro dort, ein DJ, aber bitte nicht zu wild, ein paar Fahrgeschäfte, aber alles in Reichweite von Sitzgelegenheiten und wahrscheinlich irgendwo dazwischen noch die leise Hoffnung, dass niemand auf die Idee kommt, nach 22 Uhr noch Erwartungen an die Stadt zu haben.

Schwerin ist damit einmal mehr die einzige Landeshauptstadt, die selbst ihre Feste so plant, als wäre die wichtigste Frage nicht Wie wird das besonders?, sondern Wie verhindern wir, dass irgendwer emotional überreizt wird? Die Stadtfete ist deshalb keine Fehlentscheidung, sondern die ehrlichste Selbstbeschreibung dieser Stadt seit Jahren. Sie sagt: Mehr wollen wir eigentlich gar nicht. Und mehr trauen wir uns offenbar auch nicht zu.

Der Künstler-Stammtisch ist nun aufgefordert, Vorschläge und Angebote zu unterbreiten. Auch das ist typisch Schwerin. Die Stadt legt grob fest, wann, wo und in welchem beige eingefärbten Rahmen irgendetwas stattfinden darf – und die Kulturszene soll dann bitte den eigentlichen Inhalt liefern. Übersetzt heißt das: Ideen bitte von außen, Risikovermeidung bleibt bei uns.

Wir haben uns gefragt, ob man aus einem Stadtfest noch mehr Verwaltung machen kann. Die Antwort lautet offensichtlich: ja.

so oder so ähnlich ein Kulturmensch, der inzwischen aus Trotz nach Rostock fährt

Und weil Schwerin bei dieser Logik gerade so schön im Flow ist, hätte die Redaktion auch direkt einen satirischen Effizienzvorschlag: Warum nicht gleich noch den Weihnachtsmarkt mit verlegen? Wenn man schon dabei ist, alle verbliebenen Anlässe in einen einzigen organisatorischen Eintopf zu kippen, könnte man den Glühweinstand doch im Oktober einfach neben den Autoscooter stellen. Ein paar Lichter hängen ja ohnehin schon. Dann hätte Schwerin endlich die erste Stadtfete Deutschlands mit Familienbereich, Rummel, DJ-Zone, Kunstpodesten, Kinderprogramm, Bratwurst und saisonal vorgezogenen Heißgetränken. Das wäre dann wenigstens konsequent.

Vielleicht ließe sich daraus sogar das neue Schweriner Erfolgsmodell machen: ein Anlass für alles. Stadtfete, Lichterbummel, Weihnachtsmarkt, Frühlingserwachen, Demokratiebühne, Gesundheitsmesse und Seniorennachmittag in einem. Einmal Pfaffenteich umrunden, einmal Marktplatz beschallen, irgendwo noch ein Podest mit Saxofon und fertig ist das komplette Kulturjahr der Landeshauptstadt. Effizient, übersichtlich und so ambitionsarm, dass es eigentlich schon wieder als Stadtphilosophie durchgeht.

So bleibt von der großen Umbenennung vor allem eine Erkenntnis: Schwerin schafft es nicht einmal mehr, ein Stadtfest wie ein Stadtfest klingen zu lassen. Aus Feierlichkeit wird Verniedlichung, aus Eigenständigkeit wird Zusammenlegung, aus einem zentralen Programmpunkt wird dieselbe Dienstagsbühne wie immer und aus einem Fest für die Stadt wird ein weiterer Beleg dafür, dass Schwerin jedes Jahr ein bisschen mehr nach Rentnerresidenz mit Veranstaltungskalender klingt.

Kurz gesagt: Andere Städte feiern. Schwerin organisiert ein vorsorglich kleingerechnetes Innenstadtformat, damit sich bloß niemand zu viel davon verspricht. Das Stadtfest heißt jetzt Stadtfete – und selten klang ein Name so sehr nach Kapitulation.

Quelle: Hinweis aus einem heutigen Termin im Stadthaus zur diesjährigen Planung der neuen „Stadtfete“ Schwerin (09.-11.10.2026)

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