Klartext

Schwerin lässt Nazi-Graffiti stehen und stoppt lieber die Frau mit weißer Farbe

Schwerin hat wieder diesen ganz besonderen Verwaltungsmoment produziert, bei dem man nicht weiß, ob man lachen, schreien oder dem Ordnungsamt einen Wecker schenken soll. An der Mauer der Alten Hauptpost in der Bischofstraße standen laut schwerin.news verfassungsfeindliche Symbole, darunter ein Hakenkreuz und SS-Runen. Eine 68-jährige Schwerinerin wollte das Zeug am Freitagabend mit weißer Farbe unkenntlich machen. Und natürlich war der Staat in genau diesem Moment hellwach, um ausgerechnet sie zu stoppen.

Die Frau brachte dem Bericht zufolge sogar ein Schild mit der Aufschrift „Nie wieder Diktatur! Nie wieder Krieg!“ an und begann, die Schmierereien zu überstreichen. Die Polizei nahm Personalien auf und behandelte die Sache formal als Sachbeschädigung. Schwerin demonstrierte damit eindrucksvoll, dass man Nazi-Dreck im öffentlichen Raum zwar stehen lassen kann, aber bloß niemand den Fehler machen darf, ihn schneller zu beseitigen als die zuständige Zuständigkeit.

Wenn das Regelwerk wichtiger ist als der Anstand

Dass es in der Innenstadt tatsächlich mehrere verfassungsfeindliche Graffiti gab, ist auch andernorts belegt, etwa durch Berichte über laufende Ermittlungen und eingeschalteten Staatsschutz. Der eigentliche Offenbarungseid liegt aber in der Reihenfolge der Reaktionen: Erst bleiben die Symbole sichtbar, dann decken Anwohnende improvisiert ab, dann greift eine Seniorin ein und erst dann läuft der Apparat heiß, allerdings nicht gegen das beschmierte Stadtbild, sondern gegen die Frau mit dem Farbeimer. Mehr Schwerin wird es diese Woche nicht mehr.

„Die Landeshauptstadt ist konsequent: Gegen Rechtsextremismus hilft hier vor allem ein sauber ausgefülltes Formular A38 in dreifacher Ausfertigung“, mutmaßte ein fiktiver Passant, während im Hintergrund die Wirklichkeit bereits Satireunterricht gab.

Besonders peinlich wird das Ganze durch den Ort. Gegenüber vom Dom, mitten in der Altstadt und im Umfeld des Welterbes stand laut Bericht ein abgeklebtes Hakenkreuz herum, weil zuständige Stellen am Freitag nicht mehr in Gang kamen. Das ist genau diese klein gedachte Provinzverwaltung, die Schwerin so gern mit Residenzglanz überpinselt. Nach außen UNESCO, nach innen Feierabendkultur mit roter Plane.

Schwerin und die Kunst, am falschen Ende korrekt zu sein

Juristisch kann man das Vorgehen erklären. Politisch und moralisch bleibt es trotzdem ein Desaster. Wenn Bürgerinnen erst selbst handeln müssen, weil der Staat zu träge ist, und danach ausgerechnet sie den geballten Ernst des Systems spüren, dann ist das keine Stärke des Rechtsstaats, sondern dessen erbärmliche Karikatur. Wer die Stadt in diesem Zustand noch für besonders ordentlich, besonnen und kultiviert hält, verwechselt Verwaltungsroutine mit Würde. So produziert man nicht Sicherheit, sondern das Gefühl, dass in Schwerin selbst der gesunde Menschenverstand erst einen Termin braucht.

Passend dazu hatte Schwerin gerade erst beim Thema Boot am Ziegelsee gezeigt, wie lange man hier auf offensichtliche Probleme starren kann, bevor jemand tätig wird. Diesmal stand eben kein Wrack herum, sondern rechter Müll. Das Ergebnis war ähnlich unerquicklich.

Quellen: schwerin.news

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