Kultur

Schwerin holt Hübchen zum Filmkunstfest – und fragt lieber nicht, warum seine Polizeiruf-Folgen nie wiederholt wurden

Schwerin. Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern, 96.000 Einwohner, ein See drumherum, und seit Donnerstag auch Gastgeberin des 35. Filmkunstfests. Star-Gast: Henry Hübchen. Der Mann, der in den nuller Jahren fünf Folgen des Schweriner Polizeirufs gedreht hat. Fünf Folgen, die 2005 mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet wurden. Fünf Folgen, die seitdem – niemals wiederholt wurden. Nicht ein einziges Mal. Nicht im NDR, nicht in der Mediathek, nirgends.

Aber hey: Jetzt ist Hübchen zum Filmkunstfest da. Windsurfen war er mal gut, hat er im Interview gesagt. Hat sogar eine DDR-Meisterschaft gewonnen. Und jetzt steht er im Filmpalast Capitol und redet über Jakob den Lügner. Den DEFA-Spielfilm von 1974, die einzige DDR-Produktion, die je für einen Oscar nominiert war. Hübchen war dabei. Das muss man sich mal trauen, in der DDR. Hübchen hat’s drauf.

Die Stadt, die ihre eigene Geschichte vergisst – oder vergessen machen lässt

Was Hübchen im Nordkurier-Interview gesagt hat, war bemerkenswert. Er wurde gefragt, ob er sich Sorgen macht über die Etikettierung von Menschen in der heutigen Zeit. Ob Diskurs durch Etikettierung ersetzt wird. Er sagte: Ja. Er nannte es das „Übel unserer Zeit“. Und er fragte sich, warum die fünf Schweriner Polizeiruf-Folgen mit ihm und Uwe Steimle nie wiederholt wurden. Hoffentlich hänge das nicht mit Steimle zusammen, hat Hübchen gesagt.

Die Antwort darauf ist: Doch. Höchstwahrscheinlich. Der NDR hat Steimle als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Die gemeinsamen Folgen verschwanden aus der Welt. weg, assimiliert, verschwunden. Kein Grimme-Preis, kein NDR, kein öffentlich-rechtliches Interesse. Einfach weg. Und Schwerin? Schwerin schweigt und feiert unterdessen Hübchen.

Die Stadt hat keine Antwort darauf. Weder auf die Frage, warum die Folgen weg sind, noch auf die Frage, warum man trotzdem den Schauspieler einfliegt, der es gewagt hat, die Einstellung des Senders in Frage zu stellen. – Ein Schweriner Medienwissenschaftler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will

Kein Programm, keine Debatte, nur Goldener Ochse und Prominente

Das Filmkunstfest in Schwerin ist ein liebes Kind. Seit 35 Jahren. Es hat Größe und Würde. Aber es ist auch eine Schattenlandschaft: Die eigene Geschichte wird wegradiert, wenn es politisch passt. Ein Kontrastprogramm zu Rostock, wo parallel das FiSH-Festival 813 junge Filmemacher auf die Bühne bringt. Die eigenen Polizeiruf-Folgen verschwinden, weil ein Kollege das Etikett „rechtsextrem“ bekommen hat. Und trotzdem holt man den anderen Hauptdarsteller als Gala-Gast.

Hübchen hat sich in dem Interview auch zum Thema Schwerin geäußert. Er findet die Stadt gut, wegen der vielen Seen. Auf dem Schweriner See hat er zuletzt an einer DDR-Meisterschaft im Windsurfen teilgenommen. Er war Mitte 30, die Jüngeren haben ihn geschlagen. Er wurde Zehnter. Und hat dann mit dem Segeln aufgehört. Er verliert nicht gerne.

Ein Mann, der nicht gerne verliert, gibt einer Stadt, die ständig verliert, ein Interview. Vielleicht ist das der passendste Gast, den das Filmkunstfest je hatte. Einer, der sich weigert zu verlieren. In einer Stadt, die nur noch zusieht.

Das 35. Filmkunstfest läuft noch bis Sonntag. Hübchen war da. Die Polizeiruf-Folgen sind weg. Das Übel unserer Zeit bleibt. Auch in Schwerin.

Foto: U.S. Air Force / Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

Quellen: Nordkurier

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