Gesellschaft

Schwerin hat eine neue Hymne — komponiert von einer KI, getragen von einer Perücke

Schwerin, du kannst so schön sein. — Refrain des neuen Stadtliedes, das Stephan Jürß mit Hilfe von KI geschrieben hat. Ein Satz, den man auch als Frage verstehen könnte.

Schwerin hat ein Problem. Es weiß nur nicht genau, wie groß es ist. Die Stadt mit 96.000 Einwohnern, einer maroden Innenstadt und dem zweifelhaften Ruf, die langweiligste Landeshauptstadt Deutschlands zu sein, hat jetzt einen neuen Popsong. Mit Perücke.

Schwerin, du kannst so schön sein

Stephan Jürß heißt der Mann, der sich eine Perücke aufgesetzt hat, eine Gitarre gegriffen und — laut eigener Aussage — mit Hilfe von KI eine Hymne für seine Heimat geschrieben hat. Herausgekommen ist ein Lied namens Schwerin, du kannst so schön sein. Die Ostsee-Zeitung nennt es einen Internet-Hit. Man könnte es auch einen verzweifelten Versuch nennen, der Landeshauptstadt ein Gesicht zu geben, das nicht nur aus Schloss und Seen besteht.

Der Song wird in einem Atemzug mit Marterias Mein Rostock genannt. Das ist ungefähr so, als würde man eine Straßenlaterne mit dem Eiffelturm vergleichen, nur weil beide Licht machen. Mein Rostock ist ein authentischer Track eines Künstlers, der mit der Stadt aufgewachsen ist. Stephan Jürß‘ Beitrag ist — bei allem Respekt — ein KI-generierter Heimatbeitrag in Perücke. Der Unterschied dürfte deutlich sein.

Lässiger Sound, heimatverbundener Text. Vielleicht ist der Song nicht ganz auf dem Niveau von Marterias Mein Rostock, aber das Lied ist eingängig.

Warum Schwerin diese Hymne braucht — und was das über die Stadt sagt

Schwerin hat keine eigene Identität. Punkt. Das Schloss ist die einzige Sehenswürdigkeit, die auch außerhalb von MV jemand kennt. Die Innenstadt wird seit Jahren notdürftig am Leben erhalten, der Einzelhandel stirbt, und die Stadtverwaltung hat gerade genug damit zu tun, Schlaglöcher zu dokumentieren, statt visionäre Stadtentwicklung zu betreiben. Wenn in dieser Situation ein Mann mit einer Perücke und einer KI-Software angerückt kommt und sagt: Hey, Schwerin ist schön! — dann ist das nicht Kultur, das ist Therapie.

Und weil Schwerin sich lieber eine eigene Talkshow bastelt, als echte Stadtentwicklung zu betreiben, passt die Hymne ins Bild: Alles muss nach Außen gut aussehen. Der Inhalt ist zweitrangig. Hauptsache, es gibt irgendeine Meldung, die nicht vom Strukturwandel handelt.

Schwerin erinnert sich lieber an die eigene Vergangenheit, als in die Zukunft zu investieren. KI-Hymnen, DDR-Gaststätten, Welterbe-Feiern — alles, nur nicht der Blick nach vorne. Das ist die wahre Hymne dieser Stadt.

Foto: Anatol Rurac / Unsplash

Quellen: Ostsee-Zeitung

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