Gesellschaft

Schwerin hat ein Würzfleisch-Problem — und niemand spricht es aus

Schwerin. Die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. 100.000 Einwohner, gefühlt seit 40 Jahren derselbe Oberbürgermeister, und ein Gasthaus, das seit 1690 steht. Nun ist dieses Gasthaus — „Zur guten Quelle“ — verkauft. Und ganz Schwerin hält kollektiv den Atem an. Nicht wegen des Fachwerkhauses. Nicht wegen der Geschichte. Sondern wegen einer einzigen Frage: Gibt es weiter Würzfleisch?

Seit 1. April gehört das Haus einer Nicole Schladeck, Geschäftsführerin des Weinhauses Wöhler. Kerstin und Matthias Theiner, drei Jahrzehnte „Die Quelle“, sind raus. Buh! Die Gerüchteküche brodelte wie die Ochsenschwanzsuppe auf dem Herd. Man tuschelte auf der Straße. Man sprach es nur mit gedämpfter Stimme. Die „Quelle“ macht zu. Und dann, wie ein Flüstern in der Dunkelheit: „Aber das Würzfleisch —?“

Drei Jahrzehnte Theiner, und das war’s?

„Sieben Tage die Woche hatte die ,Quelle‘ geöffnet. Da kannst du nie abschalten“, sagt Matthias Theiner. „Irgendwas ist immer. Mal ist die Kaffeemaschine kaputt, mal einer krank.“

Man muss das mal sacken lassen. Dreißig Jahre, sieben Tage die Woche. Die Kaffeemaschine. Der kranke Mitarbeiter. Das Kohlfleisch. Und jetzt, nach all den Jahrzehnten, die Frage, die Schwerin wirklich umtreibt: Wird es Steak mit Würzfleisch und Salatgarnitur noch geben?

Denn das ist er, der Kern des Problems. In einer Stadt, in der die Gastronomie stirbt, in der Innenstädte verwaisen, in der der Leerstand größer wird als der Stolz — da hält man sich an sein Würzfleisch. Das ist kein Essen. Das ist ein Identitätsmarker. In einer Stadt, die nicht weiß, was sie sein will. Schwerin am Scheideweg: Bleibt das Würzfleisch oder nicht? Die Frage stellt sich, als ginge es ums Grundgesetz🎯.

Die neue Chefin — Nicole Schladeck, Weinhaus Wöhler — sagt, sie liebe alte Häuser. Sie sagt, sie habe ein gutes Gefühl gehabt. Sie sagt, sie habe sich das von der Größe her zugetraut. Was sie nicht sagt: ob das Würzfleisch bleibt. Vielleicht weiß man’s auch noch nicht. Vielleicht ist das die größte Unbekannte seit dem Mauerfall. Schwerin wartet. Und das ist, ehrlich gesagt, ein bisschen traurig.

Foto: Greta Farnedi auf Unsplash

Quellen: Nordkurier

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