Gesellschaft

Schwerin feiert sieben Tage Welterbe und hofft, dass zwischen Schlossromantik und Selbstbeweihräucherung niemand die Gegenwart bemerkt

Schwerin bekommt vom 1. bis 7. Juni eine ganze Woche Welterbe-Tage und wirkt dabei wie immer ein bisschen so, als hätte die Stadt endlich den perfekten Weg gefunden, Gegenwart zu vermeiden. Sonderführungen, Konzerte, Ausstellungen, Mitmachaktionen, offene Häuser, Gottesdienste, Drehbrückenöffnung, Petermännchen, Gebärdendolmetscherinnen, Schlossdach, Benefizkonzert, Orgelsommer, alles da. Nur die unangenehme Frage fehlt zuverlässig: Was genau außer Kulisse hat diese Stadt eigentlich noch anzubieten, wenn man den Glanz der Vergangenheit einmal kurz aus dem Bild schiebt?

Die Fakten sind schnell erzählt. Laut Landeshauptstadt Schwerin startet das Programm bereits am 1. Juni und kulminiert am 7. Juni im bundesweiten UNESCO-Welterbetag. Geplant sind unter anderem Veranstaltungen im Internationalen Haus, Musik und Tanz am Marktplatz, Rundgänge für Studierende sowie Kinder und Jugendliche, Konzerte in Schlosskirche, Schelfkirche und Staatlichem Museum, Führungen durch Ministerien, Dom, Burggarten und Schloss, dazu offene Häuser, Infostände und eine Drehbrückenöffnung um 14:30 Uhr. Also kurz gesagt: sieben Tage lang soll möglichst niemand vergessen, dass Schwerin wunderschön geerbt hat.

Welterbe als Dauerpflaster für die Gegenwart

Genau da liegt der Punkt. Natürlich ist das Schloss sehenswert. Natürlich ist das Ensemble beeindruckend. Natürlich ist kulturelles Erbe wichtig. Aber in Schwerin kippt diese Wahrheit seit Jahren in eine besonders selbstzufriedene Provinzkrankheit: Man verwechselt schöne Gebäude mit urbaner Dynamik und eine denkmalgeschützte Postkartenansicht mit lebendiger Stadtentwicklung. Sobald irgendwo „Welterbe“ draufsteht, tut man hier so, als habe sich jede Debatte über Ideen, Zukunft, Nachtleben, Wachstum, Kulturproduktion und soziale Realität von selbst erledigt.

Schwerin liebt sein Welterbe so sehr, dass die Stadt ernsthaft glaubt, ein Blick aufs Schloss könne dauerhaft ersetzen, was anderswo Leben, Tempo und Ambition heißen.

Das Programm liest sich entsprechend wie das amtliche Hochamt einer Stadt, die sehr gut im Gedenken und erstaunlich schwach im Vorankommen ist. Führungen durch Ministerien, Palais, Kirchen und Gartenanlagen, dazu wohl dosierte Kulturhäppchen zwischen Museum, Marktplatz und Schlossinnenhof. Alles würdig, alles ordentlich, alles wunderbar geeignet, um Schwerin erneut als geschmackvoll konservierte Residenz zu verkaufen. Man könnte fast meinen, die Stadt wolle nicht entdeckt, sondern vor allem in Formaldehyd erhalten werden.

Besonders schön ist dabei die schwerinsche Grundhaltung, mit der historische Substanz immer wieder zur moralischen Großtat umgedeutet wird. Das Welterbe soll für Frieden, Verständigung und gemeinsamen Dialog stehen. Klingt toll. Nur wäre es noch überzeugender, wenn dieselbe Stadt jenseits symbolischer Hochglanzwörter nicht regelmäßig so wirken würde, als sei schon ein ordentlich getakteter Veranstaltungskalender der Gipfel kommunaler Lebenskraft. Schwerin kann wunderbar vom eigenen Bild schwärmen und gleichzeitig ziemlich zuverlässig verdrängen, wie sehr hier vieles nach Verwaltung, Rentnervorsicht und Selbstberuhigung riecht.

Eine schöne Stadt ist noch keine mutige Stadt

Das Bittere daran ist, dass die Welterbe-Tage sicher gut besucht sein werden. Die Leute gehen hin, schauen sich etwas an, hören Musik, steigen aufs Schlossdach, schlendern am Alten Garten entlang und denken sich für ein paar Stunden, dass hier doch eigentlich alles ziemlich gut aussieht. Genau darin steckt Schwerins liebste Täuschung. Diese Stadt sieht oft gut aus. Sie denkt bloß erschreckend klein. Und solange sie sieben Tage Denkmalseligkeit für Fortschritt hält, bleibt das Welterbe am Ende vor allem eins: ein majestätisch ausgeleuchtetes Ablenkungsmanöver.

Quellen: Landeshauptstadt Schwerin

Nichts verpassen! 📰 Newsletter abonnieren

Erhalte die neuesten Nachrichten aus Schwerin direkt in dein Postfach – satirisch, ehrlich, geil.

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Schwerin ist Geil auf WhatsApp

Tägliche Satire-News direkt aufs Handy. Kein Spam, nur Geilheit.

Jetzt Kanal abonnieren

Kostenlos · Kein Gruppenchat · Jederzeit abbestellbar

Teilen:

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Genau wie die meisten Neuigkeiten aus Schwerin.