Schwerin. Landeshauptstadt. Am Wochenende war FrühjahrsErwachen. Das heißt: Stelzenläufer, Jazz, Zirkustheater und Crêpeos. Auf dem Marktplatz. In der Altstadt. Vor dem Modegeschäft. So sieht also kulturelles Leben in einer Stadt aus, die es eigentlich besser wissen könnte.
Die Oase aus Blättern und Blüten
Die Blondine Florentina, eine Stelzenfigur mit Kleid aus Blättern und Blüten, lief durch die Gassen. Menschen blieben stehen. Fotografierten. Zeigten aufs Handy. Für viele gehörte sie lngst dazu. »Zum FrühjahrsErwachen«, wohlgemerkt. Nicht zur Documenta. Nicht zur Kulturstadt Europas. Zum Lokalmarkt für Anwohner und Touristen, die samstags nichts Besseres vorhaben.
Die Jazzkombüse spielte auf dem Marktplatz. Der Sound zog über den Platz. Familien, Paare, Besucher von außerhalb. Dazwischen festlich gekleidete Gruppen — Jugendweihen, Hochzeiten, Junggesellenabschiede. Alles gleichzeitig. Alles gleichzeitig auf einem Platz. Als gäbe es kein Internet, keine Kultur-Hauptstadt, kein Berlin, kein gar nichts. Nur diesen Moment. Schwerin. Samstag. April.
»Hier ist heute richtig was los – aber genau das tut Schwerin auch mal gut«
— Kathrin M. aus Schwerin
Das ist die Art von Kommentar, die man in einer Stadt hört, in der »was los« schon ein Highlight ist. In Hamburg würde jemand sagen: »Naja, das ist halt ein Markt.« In Schwerin sagt man: »Genau das tut dieser Stadt mal gut.« Es ist die Sprache einer Kleinstadt, die sich selbst dafür lobt, überhaupt existiert zu haben.
Landeshauptstadt, aber bitte mit Zirkustheater und Kinderbasteln
Das Zirkustheater Chronos hatte einen Fruitimat aufgebaut. Kleine Zeichnungen auf Zuruf. Daneben bastelten Kinder konzentriert an Bienenhotels. Bienenhotels. Das ist, wenn man so will, das künstlerische Spektrum dieser Stadt auf einen Nenner gebracht: Jemanden bitten, etwas Lustiges zu malen. Und danach Holzbau für Insekten. Das ist Kultur in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Punkt.
Das Petermännchen — eine Art Stadtmaskottchen — lief durch die Altstadt und verteilte Programmhefte. Nicht weil es cool ist. Sondern weil es niemanden sonst gibt, der die Arbeit macht. Und weil das Petermännchen immer verfügbar ist.
»Man kann hier wirklich überall stehen bleiben, ohne dass es langweilig wird«
— Jens R. aus Wismar, der mit der Familie unterwegs ist
Jens R. aus Wismar, der mit der Familie extra angereist ist, weil Schwerin so viel zu bieten hat. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Wismar hat einen der schönsten gotischen Stadtkerne Norddeutschlands. Aber Schwerin hat dafür das FrühjahrsErwachen mit Stelzenlauf. Und dafür fahren Familien eine Stunde mit dem Auto. Um zu sehen, wie Florentina auf Stelzen durch die Fußgängerzone läuft. Das ist kein Spott. Das ist Bewunderung für die Eltern, die das wirklich auf sich nehmen.
Am Sonntag geht es im Freilichtmuseum Mueß weiter. Frühjahrsmarkt. Mitmachangebote. Vorführungen wie Buttern, Schauspchmieden und Schauspinnen. Das Feuerschmieden ohne echte Amboss-Hotline, für alle, die samstags gelernt haben, dass Metallbearbeitung ein Hobby ist und kein Beruf. Am Nachmittag spielt das Dorftheater Siemitz »Vom Wolf und dem mutigen Hasen«. Für alle, die samstags noch Themen für Kindertheater brauchen können.
Schwerin. April. Das FrühjahrsErwachen. Wenn eine Stadt um jede kleinste Form von Lebendigkeit ringen muss, ist das traurig. Wenn eine Landeshauptstadt Landeshauptstadt heißt und dann stolz darauf ist, dass Jazzbands auf dem Marktplatz spielen, ist das nicht traurig — das ist eine Erfolgsgeschichte. Für eine Stadt, die sich so klein gibt, wie sie ist.
Foto: Viktoria Kravtschenko / Nordkurier
Quellen: Nordkurier
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