Kultur

Schwerin erklärt Nachtleben offiziell zum Auslaufmodell und eröffnet Amt für kontrollierte Ereignisvermeidung

Schwerin reagiert nach eigenen Angaben auf die seit Jahren stabile Mischung aus kultureller Mutlosigkeit, behördlicher Selbsthypnose und tief verinnerlichter Abendmüdigkeit mit einem historischen Verwaltungsschritt: Bereits zum 1. Mai soll das neue Amt für kontrollierte Ereignisvermeidung seine Arbeit aufnehmen. Aufgabe der Behörde ist es laut Rathaus, spontane Abendgestaltung im gesamten Stadtgebiet frühzeitig zu erkennen, zu entschärfen und notfalls in einen genehmigungsfähigen Zustand der gepflegten Langeweile zurückzuführen.

Auslöser der Maßnahme sei die Erkenntnis gewesen, dass Schwerin als Landeshauptstadt zwar ein Schloss, mehrere Seen und eine fast religiöse Bindung an Pressemitteilungen besitzt, beim Thema Nachtleben aber ungefähr die Dynamik eines Wartezimmers im Bürgerbüro erreicht. Während andere Städte wenigstens so tun, als würden sie jungen Menschen nach 20 Uhr etwas anbieten, habe man sich in Schwerin laut Verwaltung nun für den ehrlicheren Weg entschieden: Wenn schon nichts los ist, dann soll dieses Nichts wenigstens sauber organisiert werden.

Behörde soll spontane Lebenszeichen frühzeitig neutralisieren

Wie aus einem 84-seitigen Konzeptpapier mit dem Arbeitstitel „Nachtkulturvermeidungsrahmen 2030“ hervorgeht, sollen künftig alle potenziell belebenden Vorgänge ab 19:47 Uhr an eine Leitstelle gemeldet werden. Dazu zählen unter anderem geöffnete Kneipentüren, Musik mit mehr als 92 Schlägen pro Minute, Gruppen von mehr als vier Menschen unter 35 sowie jeder erkennbare Versuch, den Marienplatz ohne triftigen Verwaltungsgrund länger als zwölf Minuten zu nutzen.

Wer dennoch ausgehen wolle, müsse künftig vorab das Formular E-47 „Anzeige einer beabsichtigten Abendstimmung“ ausfüllen. Dem Antrag beizulegen seien ein Lärmvermeidungsplan, eine nachvollziehbare Begründung für gute Laune sowie eine Bestätigung, dass der Heimweg spätestens mit dem letzten Gefühl von Restoptimismus angetreten werde. Nach Angaben des Rathauses soll damit verhindert werden, dass Schwerin versehentlich wie eine Stadt wirkt, in der Menschen freiwillig bleiben.

Schwerin steht seit Jahren für Ruhe, Struktur und den festen Willen, bloß keinen urbanen Reflex aus Versehen zuzulassen. Es wäre fahrlässig, diesen Standortvorteil jetzt durch Kultur zu gefährden.

Dr. Holger M., kommissarischer Dezernent für Stillstandsmanagement, so oder so ähnlich

Besonders stolz sei die Stadt auf das geplante Frühwarnsystem „SleepGuard Schwerin“. Sensoren an neuralgischen Punkten sollen registrieren, wenn sich in der Innenstadt Anzeichen von Atmosphäre bilden. Sobald zwei Menschen gleichzeitig lachen, ein Getränk nach 21 Uhr verkauft wird oder irgendwo der Verdacht auf Nachtökonomie entsteht, gehe automatisch eine Meldung an das neue Amt. Von dort werde dann entschieden, ob die Situation durch Straßenlaternen mit noch kälterem Licht, einen Hinweis auf Ruhebedürfnisse oder notfalls eine zusätzliche Ausschusssitzung befriedet werden müsse.

Schwerin will endlich planbare Tristesse statt chaotischer Leere

In einer begleitenden Informationskampagne verweist die Stadt darauf, dass Schwerin schon länger konsequent an einer nachtschlafenden Marke arbeite. Das passe zur allgemeinen Linienführung, mit der man sich bereits bei der Jugendfreundlichkeit, der kulturellen Risikobereitschaft und der Idee von Zukunft souverän verweigert habe. Erst im März hatte die Seite mit dem Beitrag „Schwerins Hundeparks: Mehr Auslauf für Bello als Angebote für die Jugend“ dokumentiert, wie zielstrebig die Stadt ihre Prioritäten zwischen Hundefreilauf und menschlicher Existenzsicherung verteilt.

Auch ältere Grundsatzfragen würden durch die neue Behörde nicht kleiner, sondern nur amtlicher. Wer sich weiterhin fragt, warum diese Stadt überhaupt Landeshauptstadt ist, bekomme jetzt immerhin eine zusätzliche Akte als Antwort. Der Klassiker „Warum ist Schwerin eigentlich Landeshauptstadt?“ wirke seit der Ankündigung weniger wie Polemik und mehr wie eine Verwaltungsdokumentation mit Zeitverzug.

Unterstützung erhält das Projekt aus Teilen der Lokalpolitik. Ein pensionierter Anwohner vom Pfaffenteich begrüßte das Vorhaben mit den Worten, er habe schon lange befürchtet, Schwerin könne irgendwann aus Versehen lebendig wirken. Eine junge Frau, die nach eigenen Angaben eigentlich nach Hamburg ziehen wollte, dies aber bereits erledigt hat, erklärte, das Amt komme etwa 15 Jahre zu spät, treffe den Stadtkern aber „erschütternd präzise“. Selbst Kultureinrichtungen sollen eingebunden werden: Veranstaltungen mit Publikumsinteresse müssten künftig nachweisen, dass sie das allgemeine Provinzgleichgewicht nicht gefährden.

Im Rathaus verweist man derweil auf andere aktuelle Großleistungen lokaler Stadtentwicklung. Wer schon für Straßen einen Baustellenführerschein brauche, könne kulturelles Leben schließlich nicht dem Zufall überlassen. Das neue Amt sei daher kein Ausdruck von Kapitulation, sondern von Verwaltungsstolz: Schwerin habe erkannt, dass man Provinzialität nicht länger verstecken, sondern endlich professionalisieren müsse.

Nach Angaben der Stadt soll zum Start des Projekts ein symbolischer Pilotabend stattfinden. Geplant ist eine offizielle Nicht-Eröffnung auf dem Marienplatz, bei der exakt nichts passiert, aber alles dokumentiert wird. Erwartet werden mehrere Vertreter aus Politik und Verwaltung, ein genehmigter Thermoskannenempfang sowie eine musikalisch untermalte Schweigeminute für jede Idee, die junge Leute in Schwerin einmal hätten haben können. Aber das ist natürlich nur eine Sichtweise.

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