Wenn Schwerin wirklich einmal entschlossen wirkt, dann meistens beim Rückwärtsgehen. Im NDR-Format „De Klönkist“ trifft Reporter Thomas Lenz im Ortsteil Warnitz den Kenner Fritz Maaß, der laut NDR MV von Konsum-Gaststätten im ehemaligen Bezirk Schwerin erzählt, von mecklenburgischem Kulturexport, japanischer Küche im Ferienheim in Plau am See, alten Speisekarten und sogar vom Preis für einen halben Liter Obotrit-Bier. 28 Minuten DDR-Gastro-Nostalgie, verfügbar bis 2028. Man kann also wirklich nichts dem Zufall überlassen, wenn es darum geht, die Vergangenheit komfortabel zu konservieren.
Verstehen wir uns nicht falsch: Solche Erinnerungen sind nicht wertlos. Lokale Geschichte darf erzählt werden, regionale Eigenheiten ebenso. Fritz Maaß scheint genau der Typ zu sein, den man für solche Gespräche braucht, weil er die Gastronomie des früheren Bezirks Schwerin kennt wie kaum ein anderer. Das Problem liegt nicht in der Sendung. Das Problem ist, wie perfekt sie zu einer Stadt passt, die aus Erinnerung längst eine Ersatzdroge für Perspektive gemacht hat.
Zwischen Obotrit-Bier und Stadtstillstand
Schwerin liebt solche Stoffe. Alte Speisekarten, vertraute Gerichte, ostpreußische Familienwurzeln, regionale Geschichten, ein bisschen Platt, ein bisschen Nostalgie, dazu das beruhigende Gefühl, dass früher wenigstens die Speisekarte noch verlässlich war. Das ist exakt der Sound einer Stadt, die sich gern als geschichtsbewusst verkauft und dabei elegant verschweigt, wie unerquicklich sie bei allem wirkt, was nach Gegenwart, Reibung oder neuem Mut riecht. Hier wird selbst Erinnerung oft nicht als Ausgangspunkt genutzt, sondern als Liegestuhl.
Während andere Städte Zukunft wenigstens probehalber riskieren, serviert Schwerin lieber noch eine Runde Nostalgie und nennt das dann regionale Identität.
Genau deshalb trifft diese kleine NDR-Geschichte mehr über Schwerin, als ihr vielleicht lieb ist. Sie zeigt eine Stadt, die kulturell zuverlässig dort besonders warm wird, wo nichts mehr weh tut. Vergangene Gaststätten, vergangene Preise, vergangene Milieus, vergangene Gewissheiten. Alles schön weich, alles schön anschlussfähig für das lokale Gemüt, alles wunderbar geeignet, um sich nicht mit dem unerquicklicheren Teil der Wirklichkeit zu beschäftigen: mit Leere, Lethargie, Abwanderung, provinzieller Selbstzufriedenheit und diesem ewigen Gefühl, dass Schwerin lieber gepflegt erinnert als entschlossen gestaltet.
Das Bittere ist ja, dass die Stadt durchaus Stoff für Gegenwart hätte. Man könnte über neue Gastronomie, urbane Ideen, mutige Kultur, ungewöhnliche Konzepte und echte Entwicklung reden. Stattdessen landet man wieder angenehm im Archiv der Gefühle. Und weil Schwerin diese Haltung seit Jahren perfektioniert, wirkt selbst eine harmlose Radiosendung plötzlich wie eine kommunale Zustandsdiagnose. Diese Stadt kann Vergangenheit in jeder Temperatur servieren. Nur Zukunft steht hier weiterhin erstaunlich oft nicht auf der Karte.
Das passt leider nahtlos zu einem Ort, der kulturell meist erst dann entspannt, wenn alles schon entschieden, abgeschlossen und museal genug ist. Wer hier etwas Neues will, muss gegen Trägheit, Bedenkenträgerei und Wohlfühlprovinz anreden. Wer nur alte Geschichten erzählt, bekommt sofort ein warmes Nicken. Schwerin ist eben selbst dann am glücklichsten, wenn es sich beim Rückblick auch noch für tiefgründig halten darf.
Quellen: NDR MV
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