Infrastruktur

Schwerin entdeckt organisierte Kriminalität jetzt auch als Standortfaktor direkt an der Autobahn

Es brauchte mal wieder keinen Masterplan, keine Ansiedlungsstrategie und kein Innovationspapier. Ein aufgebrochenes Hallentor reichte völlig, damit rund um Schwerin erneut sichtbar wird, worin diese Gegend inzwischen wirklich zuverlässig liefert: günstige Fluchtwege, dünne Sicherung und eine Lage direkt an den Autobahnen, bei der selbst professionelle Diebe offenbar sagen: läuft.

Der konkrete Fall ist leider nicht erfunden. In Groß Brütz nordwestlich von Schwerin wurden in der Nacht zum 9. April Pflanzenschutzmittel im Wert von 50.000 Euro gestohlen. Wenige Tage später traf es laut derselben Quelle auch Fienstorf bei Broderstorf, dort sogar mit einem Schaden von rund 100.000 Euro. Zusammen macht das 150.000 Euro und die Erkenntnis, dass sich organisierte Kriminalität in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen ungefähr so unbehelligt bewegt wie Verwaltungssprech durch eine Ausschusssitzung.

Autobahnanschluss, aber bitte nur für Täter

Besonders hübsch ist die Begründung der Realität: Beide Tatorte liegen unweit der A20 und A14. Das heißt im Klartext, dass man in Schwerin und Umgebung zwar seit Jahren jeden Straßenausbau, jede Baustelle und jede Umleitung als heroischen Infrastrukturakt verkauft, am Ende profitieren aber offenbar zuerst jene Leute davon, die mit einem größeren Fahrzeug Chemikalien aus Hallen fahren wollen. Die Landeshauptstadt bekommt also wieder Verkehrsanbindung, aber natürlich auf die dümmste mögliche Art.

Schwerin liegt strategisch hervorragend, wenn man entweder pendeln oder professionell verschwinden will. Für alles andere wird es bekanntlich kompliziert.

Die Polizei ermittelt in beiden Fällen wegen Diebstahls in besonders schwerem Fall. In Broderstorf sollen Täter über die Rückseite des Geländes gekommen sein, eine Hallentür aufgebrochen und etwa 1.000 Liter Herbizide, Fungizide und Insektizide abtransportiert haben. Wer da noch von einem bedauerlichen Einzelfall faselt, kann sich auch gleich eine PowerPoint über „Resilienz im ländlichen Raum“ aus dem Rathaus holen. Das Muster ist klar, die Ware teuer, die Wege kurz und die Gegend offen genug, dass man die Provinz nicht einmal unterwandern muss, weil sie einem ohnehin alle Lücken freundlich hinstellt.

Und dann kommt wie immer der deutsche Lieblingsmoment: die Präventionstipps. Zäune, Beleuchtung, Videoüberwachung, Kennzeichnung, Sensibilisierung, Beratungsservice. Alles richtig, alles vernünftig, alles ein wenig so, als würde man nach einem Banküberfall empfehlen, die Tür vielleicht künftig abzuschließen. Das Landeskriminalamt gibt Hinweise heraus, weil das leichter ist, als einzugestehen, dass sich ganze Betriebsstandorte inzwischen fühlen müssen wie Außenstellen eines Selbstbedienungsgroßmarkts für professionelle Täter.

Landeshauptstadt mit Beifahrersitzmentalität

Für Schwerin ist daran vor allem eines peinlich: Diese Stadt redet gern über Lagevorteile, Erreichbarkeit und Vernetzung, als stünde sie kurz vor dem wirtschaftlichen Durchbruch. In der Praxis ergibt dieselbe Lage dann wieder nur, dass Einbrecher schneller auf der Autobahn sind als irgendein ambitioniertes Zukunftsprojekt im Bauausschuss. Das passt leider erschreckend gut zu einer Stadt, die selbst ihre Straßen schon als Hindernisparcours verwaltet und bei Baustellen noch Bürgernähe simuliert, während anderswo wenigstens der Eindruck entsteht, jemand hätte die Kontrolle.

So bleibt von der schönen Erzählung über Standortqualität am Ende wieder nur der typisch schwerinsche Bodensatz: ein bisschen Betroffenheit, ein paar Ratschläge, sonst viel Verwaltungsluft. Die Täter waren konkret, organisiert und schnell. Die Antwort darauf ist, wie so oft, exakt das Gegenteil. Und genau deshalb wirkt dieser Fall nicht wie ein Ausrutscher, sondern wie eine regionale Zustandsbeschreibung mit aufgebrochener Tür.

Quellen: Nordkurier Schwerin

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