Gesellschaft

Schwerin druckt 10.000 Hefte über seine „Unikate“, damit niemand die Leerstellen der Innenstadt zählt

Schwerin hat ein neues Heft. Nicht etwa, weil die Stadt plötzlich den Größenwahn einer wirklichen Metropole entwickelt hätte, sondern weil man in der Altstadt jetzt 34 „Unikate“ auf A6 zusammenfaltet und das als urbanen Glanz verkauft. Laut städtischer Mitteilung haben Gewerbetreibende und Citymanagement gemeinsam das Heft „Schweriner Unikate“ herausgebracht, 10.000 Exemplare, kostenlos, mit QR-Codes, Übersichtsplan und den üblichen Formeln über Vielfalt, Lebendigkeit und Charakter.

Das ist auf eine sehr schwerinsche Art faszinierend. Während andere Städte Probleme wenigstens gelegentlich noch schamhaft verstecken, druckt diese hier sich einfach eine Broschüre über ihre Einzigartigkeit und hofft, dass niemand fragt, warum eine halbwegs lebendige Innenstadt inzwischen schon als kulturhistorische Sensation verpackt werden muss. Schwerin bleibt eben die Landeshauptstadt des dekorativen Durchhaltens.

Wenn Stadtmarketing so tut, als wäre Normalität schon ein Ereignis

Im Heft werden laut Stadt 34 Stationen vorgestellt, von Geschäften über Cafés bis zu Ateliers und Werkstätten. Klingt nett, ist auch nett, und genau da liegt das Problem. Schwerin verwechselt dieses freundliche „nett“ seit Jahren mit Aufbruch. Kaum klebt irgendwo ein QR-Code an einer hübschen Geschichte, wird aus provinzieller Selbstverwaltung plötzlich ein Erlebnisraum fabriziert. Wer hier länger wohnt, kennt das Muster: viel wohltemperierte Sprache, viel UNESCO-Romantik, viel Liebe zur Kulisse, aber bitte keine allzu laute Frage danach, warum man das eigene Zentrum ständig erklären muss wie ein angeschlagenes Museumsexponat.

„In Schwerin gilt ein gefaltetes Heft schon als Strukturpolitik, solange auf dem Cover kein leerstehendes Schaufenster zu sehen ist“, sagte ein fiktiver Ladenbesucher, der bei dem Wort „Unikate“ vorsorglich nach regulären Öffnungszeiten fragte.

Besonders treffsicher ist die übliche Tonlage aus Verwaltung und Citymanagement. Da ist vom „gewerblichen Herz“ der Innenstadt die Rede, von inspirierenden Spaziergängen und unverwechselbarer Atmosphäre. Das klingt wie immer so, als sei Schwerin kurz davor, Florenz zu werden, wenn nur noch genug Menschen dieselbe Broschüre in der Hand halten. Tatsächlich wirkt das Ganze eher wie die gedruckte Beruhigungstablette für eine Stadt, die sich ihre Biederkeit mit Design aufhübscht, statt sie zu überwinden.

Schöne Kulisse, kleine Ansprüche, sauber gelayoutete Selbsttäuschung

Niemand muss die beteiligten Läden kleinreden. Die gibt es, sie arbeiten, sie halten etwas am Leben. Aber genau deshalb ist dieses Heft auch so entlarvend: In Schwerin wird das bloße Vorhandensein engagierter Geschäfte bereits zum Prestigeprojekt hochgejazzt. Diese Stadt hat sich derart an klein gedachte Erfolgserzählungen gewöhnt, dass ein A6-Heft mit 10.000 Exemplaren schon nach Offensive klingt. Das ist kein urbanes Selbstbewusstsein, das ist geschniegelt gesetzte Anspruchslosigkeit.

Und weil Schwerin diese Nummer so liebt, passt der neue Prospekt nahtlos neben frühere Übungen in schön formulierter Selbstverzauberung, etwa als man gleich das ganze Stadtmarketing zur Zaubershow erklärte oder aus dem Geister-Center am Bleicherufer die ehrlichste Metapher dieser Stadt wurde. Schwerin kann Kulisse. Was weiterhin fehlt, ist der Mut, hinter die Kulisse zu schauen.

Quellen: Landeshauptstadt Schwerin

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