Gesellschaft

Schwerin bekämpft Einsamkeit mit Bastelnachmittagen und hält das wieder für Gesellschaftspolitik

Schwerin macht jetzt wieder das, was diese Stadt besonders gern tut: ein echtes gesellschaftliches Problem in warme Worte, freundliche Termine und ein bisschen Kreativmaterial einwickeln. Im Haus der Begegnung startet laut Schwerin-Lokal das kostenlose Projekt „Kreativ gegen Einsamkeit“. Geplant sind Workshops, zuerst mit Alcohol Ink unter Leitung von Sandra Gockel, am 16. April und 21. Mai jeweils von 15 bis 17 Uhr in der Perleberger Straße 22.

Das ist gut gemeint. Es ist nur leider auch wieder dieser typische Schwerin-Move, bei dem eine strukturelle Schieflage in die Form eines netten Nachmittags gegossen wird. Einsamkeit, Überalterung, soziale Ausdünnung, all das verschwindet hier zuverlässig unter dem weichen Klang von „Begegnungsräumen“ und „gemeinsamem Gestalten“. Die Stadt klingt dann sofort fürsorglich, obwohl sie in Wahrheit vor allem klein denkt, kleinteilig handelt und sich schon für rührend hält, wenn jemand einen kostenlosen Workshop organisiert.

Freundliche Farben für ein ziemlich graues Problem

Der Bericht sagt ausdrücklich, das Projekt richte sich an Menschen, die sich mehr soziale und kreative Aktivitäten im Alltag wünschen. Genau das ist ja der Punkt. Wenn man in einer Landeshauptstadt erst über Basteltermine mühsam Ersatzwärme herstellen muss, weil der Alltag zu still, zu leer oder zu vereinzelt geworden ist, dann ist das kein süßes Randthema, sondern ein Symptom. Schwerin hat sich so gründlich an den Rentnerstadt-Vibe, an Rückzug, an behutsame Ereignisverwaltung gewöhnt, dass schon zwei Nachmittage mit Farbe als Antwort auf soziale Leere verkauft werden können.

„Hier wird nicht die Einsamkeit bekämpft, hier wird ihr nur ein hübscher Rahmen verpasst“, meinte eine fiktive Teilnehmerin, während die Stadt irgendwo zwischen Wohlfühlvokabular und Vormittagsmentalität erneut versuchte, ein Grundproblem wegzudekorieren.

Natürlich sind solche Angebote besser als gar nichts. Aber dieses „besser als gar nichts“ ist in Schwerin längst zur politischen Kernkompetenz geworden. Man richtet ein niedrigschwelliges Format ein, formuliert es in maximal sanftem Sozialdeutsch und hofft, dass niemand die eigentlich unangenehme Frage stellt: Warum wirkt in dieser Stadt so vieles so stillgelegt, so vereinzelt, so klein verwaltet, dass Gemeinschaft inzwischen wie ein Sonderprogramm angekündigt werden muss?

Schwerin will Wärme, liefert aber wieder nur Programmpunkte

Das Projekt selbst ist nicht das Problem. Das Problem ist die schweriner Grundhaltung dahinter: bloß nichts zu groß denken, bloß keine Härte benennen, bloß alles in ein freundliches Format drücken, das niemanden erschreckt. So wird aus Einsamkeit ein Kreativtermin und aus gesellschaftlicher Müdigkeit ein hübsch bebilderter Kalenderpunkt. Dieselbe Stadt, die sich beim Nachtleben lieber ans Vermeiden gewöhnt, entdeckt nun Gemeinschaft im Zwei-Stunden-Takt. Das ist nicht herzlos formuliert, das ist leider nur präzise.

Quellen: Schwerin-Lokal

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