Das Mecklenburgische Staatstheater inszeniert einen szenischen Rundgang durch das ehemalige Gefängnis am Schweriner Demmlerplatz. Der Titel: „Schuldig – Haft am Demmlerplatz“. Man könnte meinen, die Stadt habe endlich den Mut, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Man könnte.
1916 gebaut. NS-Gerichtsgefängnis. Sowjetische Untersuchungshaftanstalt. Stasi-Knast. Regime wechselten, die Funktion blieb. Gewalt, Ungewissheit, Angst. Jetzt kann man sich das als Event-Ticket kaufen und durch die Zellen schlendern.
„Wie ich diesen Gefängnishof sah, da hab ich gedacht: Hier gibt es Prügel.“
Das ist die eine Ebene. Die offizielle. Ein Projekt des Staatstheaters, der Uni Greifswald, des Dokumentationszentrums und der Landeszentrale für politische Bildung. Wichtige Arbeit. Ohne Frage. Aufarbeitung ist notwendig, Erinnerungskultur ist wichtig.
Die zweite Ebene: Schwerin selbst ist das Gefängnis
Aber Moment. Lassen wir das mit der offiziellen Deutung und nehmen die Schweriner Brille. Was sehen wir?
Wir sehen eine Stadt, die seit Jahrzehnten über die eigene Verfallsgeschichte redet, statt sie zu überwinden. Ein Gefängnis, das als Theaterkulisse dient, weil das Gebäude selbst nichts anderes mehr taugt. Eine Stadt, die sich in ihrer eigenen musealen Tristesse suhlt und das als kulturelles Event verkauft.
„Schuldig“ – das Wort passt besser, als das Staatstheater ahnungslos ahnte. Schuldig, dass Schwerin es seit 30 Jahren nicht schafft, eine eigene Identität jenseits von Demmlerplatz und Demografie-Krise zu entwickeln. Schuldig, dass der szenische Rundgang durch ein Gefängnis die aufregendste kulturelle Veranstaltung des Monats ist. Schuldig, dass 1,5 Millionen Euro Landesförderung für „Aller.Land“ in Greifswald fließen und Schwerin wieder nur zuguckt.
Das Inszenieren der eigenen Unfreiheit – das ist performende Kunst. Das Ernst nehmen der eigenen Stagnation – das wäre was anderes. Nämlich Veränderung.
Premiere ist am 14. Mai 2026. Vielleicht sollte man hingehen. Vielleicht sollte man auch einfach in Schwerin bleiben und zusehen, wie die Stadt sich selbst beim Eingesperrtsein zusieht.
Foto: Vyacheslav Kirillin / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)
Quellen: Mecklenburgisches Staatstheater, Ostsee-Zeitung
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